Leseaktion

Von schlauen Mäusen

Um bei Berliner Schülern den Spaß am Lesen zu wecken, lassen sich Prominente und Politiker einiges einfallen

Seine Mutter, erzählt der kleine Junge, die lese ihm nicht vor. „Die sitzt immer nur vor dem Fernseher oder am Computer.“ Als Nevio dann die Stimme erhebt und zu lesen beginnt: „Jans Hund heißt Tiger...“, ist der Drittklässler ganz Ohr. Er und seine Mitschüler, rund 30 Kinder von der Grundschule am Schäfersee, haben prominenten Besuch. Im Rahmen des bundesweit stattfindenden Vorlesetages, initiiert unter anderem von der Stiftung Lesen, besuchen Lesepaten Schulen und Kinderhorte, um dem Nachwuchs die Freude am Lesen näher zu bringen. Dem 33-jährigen Sänger Nevio, Kind zweier Lehrer, wurde früher viel vorgelesen. „Die unendliche Geschichte“ ist sein Lieblingsbuch, heute ist er selbst als Vorleser im Einsatz und trägt Kurzschichten von Cornelia Funke vor. „Ich finde die Idee gut, Lesen fördert die Fantasie“, sagt Nevio über den Vorlesetag, in dessen Rahmen sich unter anderem auch Anne Will, Frank Henkel, Markus Kavka und Klaas Heuer-Umlauf engagieren. „Wenn ich solche Geschichten höre, wie die von dem kleinen Jungen, dessen Eltern ihm nicht vorlesen, dann berührt mich das schon sehr.“ Nach der Leserunde geht es an den Flügel, der in der Aula der Grundschule steht. Nevio stimmt seinen selbst geschriebenen Hit „Amore per sempre“ an und lädt die Kinder anschließend zu seinem nächsten Konzert am 3. Dezember im Frannzclub ein. So ein Star wie er – das wollen sie auch werden, wenn sie groß sind, sagen die Schüler und vielleicht auch mal an einer Castingshow teilnehmen. „Ihr wollt doch nicht alle so werden wie ich“, sagt der Sänger, der gerade an einem neuen Album arbeitet. „Doooch!“ schallt es ihm aus 30 Mündern entgegen. Nachdem er noch einige Autogramme verteilt hat, geht es für Nevio zurück nach Hause in Mitte.

Unweit seines Wohnortes lesen nur wenige Tage später erneut Prominente vor, beim von Microsoft und der Stiftung Lesen ins Leben gerufenen „Schlaumäuse-Tag“ Unter den Linden. Parallel dazu ist auch Daniela Schadt an einer Neuköllner Schule bei den „Berliner Märchentagen“ im Lese-Einsatz, trägt eine ganze Stunde aus einem Märchenbuch vor.

Bücher gibt es bei Microsoft nicht. Die anwesenden prominenten Damen – Moderatorin Bettina Cramer und die Schauspielerinnen Eva Habermann und Muriel Baumeister,lesen den anwesenden Schülern von Tablets vor. Während Eva Habermann sich an den Umgang mit dem Gerät noch etwas gewöhnen muss, hat das Tablet in Bettina Cramers Haushalt schon Einzug gehalten. „Ich mag Bücher sehr, habe auch noch viele der alten Bücher, aus denen mir meine Eltern damals vorgelesen haben“, erzählt die Moderatorin, die sich ehrenamtlich für die Stiftung Lesen engagiert, „tagsüber kann so ein Tablet ganz praktisch sein, das hat ja auch eine Vorlesefunktion. Ich versuche aber schon, meinen Kindern jeden Abend aus Büchern vorzulesen.“ Zum Termin hat sie ihre Zwillinge Louis und Carla, vier Jahre alt, mitgebracht. Sie lauschen andächtig, während ihre Mutter etwa 20 Kindern die Geschichte der „Schlaumäuse“ vorliest. Man merke schon eine Veränderung der Lesekultur in den Familien, sagt die Schulleiterin der Herman-Nohl-Schule in Neukölln, Ilona Bernsdorf. Aber durch den Einsatz von Lesepaten und die Zusammenarbeit der Schule mit den Eltern der Kinder hätten sie es geschafft, die Kultur des Lesens und Vorlesens wieder stärker in den Vordergrund zu rücken.

Auch Cramer appelliert an die Eltern: „Vorlesen ist unglaublich wichtig. Ist doch egal wie gut oder schlecht man vorlesen kann, Hauptsache, man tut es!“