Musik

Die starke Stimme einer zarten Person

Mit ihrem neuen Album „Lieber so“ wird die Sängerin Yvonne Catterfeld erwachsen

Es ist zehn Uhr morgens. Die Sonne strahlt durch die Fenster der Bar „Lebensstern“ im ersten Stock des „Café Einstein“ in Tiergarten. Sängerin Yvonne Catterfeld ist noch nicht ganz fertig für das Interview an diesem Tag und wuselt mit ihrer Stylistin im hinteren Raum der Bar herum. Zehn Minuten später bittet die zierliche Sängerin freundlich zum Gespräch in ihre provisorische Garderobe – denn dort sei es gemütlicher. Und wenn keine Kamera dabei sei, wäre das bisschen Chaos aus Klamotten und Schmink-Utensilien ja nicht störend, sagt sie. Schaut man der Sängerin dann in die Augen, fragt man sich, wo das ganze Make-up hin ist. Zweifelsohne: Das Gesicht ist makellos, aber natürlich. Genau wie die langen Haare, die über ihre Schultern fallen.

Wer mit Yvonne Catterfeld spricht, dem wird schnell klar, dass sie nicht mehr das kleine Pop-Sternchen ist, das sie während ihrer Zeit bei der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ war. Aus der jungen Sängerin ist eine selbstbewusste Frau geworden, die nicht mehr nur melancholisch-romantische Lieder singt wie noch zu Beginn ihrer Karriere. „Natürlich entwickelt sich meine Musik weiter, je länger ich im Geschäft bin“, sagt die 34-Jährige und lächelt. Es liege in der Natur der Sache, dass sich Gewohnheiten, Einstellungen und Haltung veränderten. „Da ist es nur normal, dass ich Lieder von früher heute nicht mehr singen könnte, weil sie einfach nicht mehr zu mir passen.“ Und so erinnert die Ballade „Für dich“, die Yvonne Catterfeld Pop-Produzenten Dieter Bohlen zu verdanken hat und die ihr zum Durchbruch verhalf, nicht mehr an die Sängerin, die nun ihr neues Album „Lieber so“ auf den Markt bringt. Zweieinhalb Jahre hat sie an der Platte gearbeitet, die sie nun als ihr „berufliches Highlight des Jahres“ ansieht.

Dass die Stücke darauf deutlich anders klingen als die ihrer vorherigen Alben, habe auch einen ganz einfachen, faktischen Grund, erzählt die Sängerin. Sie habe sich bewusst dafür entschieden, wesentlich tiefer zu singen. „Natürlich hat das auch etwas mit Reife zu tun, denn eine tiefere Stimme klingt selbstbewusster“, erklärt sie. Bereits ihre Sprecherzieherin hat am Anfang ihres Musikstudiums gesagt: „Yvonne, du bist schon so eine zarte Person, da darfst du nicht eine solch hohe Stimme haben.“ Etwas, das sich die Sängerin zu Herzen genommen hat. Über Jahre hinweg habe sie daran gearbeitet, ihrer Stimme mehr Tiefe zu verleihen, und damit das Niedliche-Mädchen-Image abgelegt.

Klar ist auch, dass die tiefere Stimme besser zu den neuen Songs passt, in denen Yvonne Catterfeld nicht nur von Liebe und Glück, sondern auch von Trennung und Leid singt. „Gerade wenn es um solche Themen geht, dann gehe ich mit meiner Stimme in die Kraft und entferne mich von einer weinerlichen und melancholischen Stimmung“, sagt sie leise, aber dennoch wohlüberlegt. „Ich bin eine starke Frau und möchte das auch durch meine Musik vermitteln.“ Genau das Gefühl half ihr auch bei der Auswahl der Texte – und die Erkenntnis, dass einige nie auf ihrem Album landen könnten. Grundsätzlich gebe es zwar viele gute männliche Autoren, jedoch habe sie auch Textangebote von Männern bekommen, die von einem anderen Frauenbild ausgehen würden als sie selbst. „Da ist es nicht die starke, sondern die schwache, unterwürfige Frau, um die sich die Texte drehen“, sagt Yvonne Catterfeld. „Und mit so etwas kann ich nichts in der Musik anfangen. Das kann ich nicht singen.“

Im Laufe des Gesprächs wird deutlich, dass es also Yvonne Catterfeld gewesen sein muss, die bei der Produktion des Albums die maßgeblichen Entscheidungen getroffen hat. Ein Grund dafür sei auch die Trennung von ihrem alten Produzenten gewesen, erklärt sie. Beim aktuellen Album habe sie nun einen Partner gehabt, der mit ihr „total auf einer Wellenlänge“ gewesen sei. Kein Ausbremsen, keine ewigen Diskussionen, kein Reinreden in die Arbeit – genau diese Form der Zusammenarbeit war es, die sie bei der Entstehung der Musik genossen habe.

Auf Meinungen von außerhalb verzichtet Yvonne Catterfeld auch sonst bewusst. Selbst ihr Freund Oliver Wnuk bekommt keinen Song vor der Veröffentlichung zu hören. „Bevor ich nicht mit meinen Stücken selbst zufrieden bin und nichts mehr verändern will, spiele ich niemandem etwas aus meinem Album vor“, erklärt sie. „Es könnte mich beeinflussen.“ Und gerade das möchte die gebürtige Erfurterin vermeiden. Die Musik soll zu hundert Prozent Catterfeld sein, selbst wenn sich die beste Freundin schon beschwert habe, dass sie keine Kostproben im Vorfeld zu hören bekommt.

Nahezu jedes Lied hätte sich im Laufe der zwei Jahre stark verändert – häufig durch „herumprobieren“ im Studio. „Dann kommt mir eine Idee, und oft ist das, was mir zuerst in den Kopf kommt, am besten“, sagt Yvonne Catterfeld.

Genauso scheint sie auch im Interview das zu sagen, was ihr spontan in den Kopf kommt – zumindest, wenn sie über ihre Musik spricht. Wenn es privat wird, schweigt sie und lächelt. Aber das tut man wahrscheinlich als selbstbewusste Frau, die sie nun ist.