Interview

„Dann ist eben der Knoten geplatzt“

Für „Eve“ kämpften Booka Shade zwei Jahre mit sich selbst – jetzt ist das fünfte Album des Berliner Duos erschienen

Dass ihr fünftes Studioalbum „Eve“ am 1. November tatsächlich in den Läden liegen würde, daran haben Walter Merziger und Arno Kammermeier alias Booka Shade während der zweijährigen Produktionszeit manchmal selbst nicht mehr geglaubt. Über den schweren Weg dorthin, die Vereinbarkeit von Tourstress und Familienleben und veränderte Ausgehgewohnheiten über 40 hat das Berliner Elektro-Duo mit Annika Schönstädt gesprochen.

Berliner Morgenpost:

In Ihrem aktuellen Pressetext vergleichen Sie sich mit Fred Astaire. Wie sind Sie darauf gekommen?

Arno Kammermeier:

Wir haben uns mit dem Menschen unterhalten, der den Pressetext für uns geschrieben hat, und erzählt, wie schwierig das Album für uns war. Dann habe ich am Rande das Beispiel von Fred Astaire genannt, der sagte, das Schwierigste ist es, die eigene Kunst leicht aussehen zu lassen. Und das Feedback, das wir bisher bekommen haben, besagt, dass das neue Album nicht schwer klingt, obwohl wir uns sehr schwergetan haben.

Warum war es dieses Mal so schwer?

Kammermeier:

Fünftes Album und das für einen Instrumentalact. Wir vergleichen das immer mit einer Band, die einen Sänger hat. Da kann man sich musikalisch und stilistisch verändern und bleibt durch den Gesang trotzdem erkennbar. Bei einem Instrumentalact muss man eine musikalische Sprache finden, die einen wiedererkennbar macht. Wir sind stolz darauf, dass wir tatsächlich einen Booka-Shade-Sound geschaffen haben, den die Leute wiedererkennen, aber trotzdem wollen wir uns weiterentwickeln. Es ist sehr schwierig, das weiter zu formen und neue Wege zu finden. Und das hat eine Weile gedauert.

Walter Merziger:

Der Prozess war auf jeden Fall sehr schmerzhaft. Wir waren auch schon an einem Punkt, wo wir dachten, vielleicht sollten wir das lassen. Vielleicht haben wir unsere Geschichte erzählt und tolle Sachen gemacht und Erfolge gefeiert, die wir nicht zu träumen gewagt hätten. Wir hatten keine Ambitionen, auf den größten Festivals der Welt zu spielen. Anfang 2000 war das auch noch überhaupt nicht üblich. Da gab es vielleicht Sven Väth und Paul van Dyk, die die Welt bereist haben. Und dann sind wir plötzlich in diesen Kreis eingetaucht, ohne dass das geplant war. Deshalb haben wir jetzt gedacht, wir haben eine tolle Zeit gehabt, vielleicht soll es aber einfach nicht mehr sein. Aber dann ist eben der Knoten geplatzt.

War dieser Prozess auch für Ihr persönliches Verhältnis zermürbend?

Kammermeier:

Klar, das war sehr belastend. 2004 kam das erste Booka-Shade-Album raus, 2005 hatten wir die ersten größeren Erfolge. Und seitdem waren wir eigentlich immer nur mit Pausen von ein oder zwei Monaten auf Tour. Da verbringt man sehr viel Zeit miteinander. Wir kennen uns schon seit der Schule und haben schon immer viel zusammengehangen. Nebenbei versucht man noch, sein privates Leben auf die Reihe zu bekommen – wir sind beide verheiratet und haben Familie –, aber trotzdem geht die Arbeit immer weiter. Das war natürlich sehr zermürbend, aber am Ende haben wir uns wieder zusammengerauft.

Nehmen es Ihre Familien mittlerweile mit Fassung, wenn Sie mal wieder 15 Monate auf Tour sind?

Kammermeier:

Das ist ja nichts Neues mehr. Unsere Frauen und Kinder haben uns so kennengelernt. Und eigentlich sagen die sowieso, wenn wir auf Tour sind, läuft es zu Hause besser. Dann spuren die Kinder. Wenn die Pommes-Papas zu Hause sind, ist eh nur Halligalli. Es sind ja auch nie 15 Monate am Stück. Es sind immer so zwei bis höchstens sechs Wochen. Aber ich glaube, das ist für mich dann härter als für meine Familie. Wir versuchen immer, höchstens zwei Wochen wegzubleiben. Wir fliegen jetzt zum Beispiel für vier Tage nach Australien. Das ist natürlich Stress, aber wir wollen eben so schnell wie möglich zurück. Oft geht es auch direkt vom Club zum Flieger. Man stellt sich das Rockstarleben immer so aufregend vor, aber wenn man das mit einem Familienleben vereinbaren will, gehört sehr viel Disziplin dazu. Sonst schafft man das einfach nicht mehr.

Aber muss man nicht selber manchmal in einen Club gehen, um gute Clubmusik zu machen?

Kammermeier:

Wir haben natürlich immer einen Fuß in der Clubtür, aber Booka Shade war auch schon immer Musik, die man auch zu Hause oder im Auto hören konnte. Wir haben das Clubgefühl einfach verinnerlicht, das ist in unsere DNA übergegangen. Ich muss mit 43 nicht mehr in einem verschwitzten Club rumhängen. Da gehe ich rein und mache meine Show, fertig. Das machen die meisten DJs so. Wir haben gerade auf einem Festival in Frankreich gespielt, und Boys Noize war der Einzige, der vor uns im Backstage war. Das passiert einfach nicht, dass irgendein DJ vorher da ist. Die Backstage-Bereiche sind bei solchen Veranstaltungen immer total verwaist. Dort hängt niemand ab und guckt sich dann noch einen anderen Act an. Die spielen doch teilweise bis zu fünf Shows die Woche. Das hält man gar nicht durch, wenn man dann noch Party macht, vor allem nicht, wenn man über 30 ist. Um mich abzuschießen, muss ich auch nicht in einen Club gehen, da gibt es andere Möglichkeiten. Ich glaube, dass wir als Künstler trotzdem glaubwürdig sind, weil wir ja in den Liveshows nah genug an den Fans sind.