Zwischenmenschlich

Casting vor der Bonbon-Kulisse

Jule Bleyerbegegnet dem BerlinerStadtleben

Berlin dürfte wohl an jedem Tag genug Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm liefern, an Freitagabenden auch mal für zwei. Die Kulisse passt immer, genug Promis gibt es auch, und der Berliner kann ja Drama wie Komödie, gern auf eigene Kosten. Es muss dabei gar nicht der Berghain-Blockbuster sein. Was nämlich auch spannend sein könnte, wäre ein Zusammenschnitt aus allen kleinen Videoaufnahmen, die quasi minütlich an jeder Ecke der Stadt entstehen. Zum Beispiel von der Kapuzenpulligang, deren Mitglieder sich gegenseitig mit ihren Handys filmen, wie sie spät am Abend vom Kotti aus in den Katakomben des von Satellitenschüsseln zusammengehaltenen Plattenbaus Richtung Möbel-Olfe verschwinden. Zumindest RTL2 würde für diese Aufnahmen sicher eine größere Summe lockermachen. Oder das Video von den Skatern im Humboldthain, die vor der Kamera halsbrecherische Stunts ausprobieren, gern auch, indem sie sich selbst abwechselnd als lebendes Hindernis auf den Boden legen und die anderen mit Skateboards über ihre Köpfe springen lassen. Die Aufnahmen müssen spektakulär sein – glaube ich zumindest. Beim Vorbeigehen konnte ich nämlich kaum hinsehen. Auch würde mich mal interessieren, was aus den Bildern geworden ist, die einer dieser lustigen kreativen Köpfe vor einiger Zeit auf dem Bürgersteig an der Raumerstraße gemacht hat: Auf dem Boden war eine Linie aus Süßigkeiten ausgelegt, eine Kamera hat aufgenommen, wie die Fußgänger über diese gestiegen (und weil die Prenzlauer Berger ja ein lustig-kreatives Völkchen sind, eher getanzt und gehopst) sind.

Vor dem Hauptbahnhof stand dann neulich ein junger Mann, der Passanten angesprochen und diese gebeten hat, vor seiner Kamera ein Lied mit ihm zu singen. Das Ganze sei eine Art Selbstversuch, erzählte der Freiberufler, er habe einfach mal testen wollen, wozu er fremde Menschen so bringen könne. Zum Beispiel zu spontanen Ständchen von „Rolling in the Deep“ oder „Scheiß drauf! Mallorca ist nur einmal im Jahr“. Nun gut, einen Goldenen Bären wird man mit diesem Filmprojekt wahrscheinlich nicht gewinnen, aber das Ergebnis lässt sich bestimmt besser ertragen als jedes „DSDS“-Casting.