Rechte

Tanz den Protest

Für einen Film zur Förderung der Tanzszene Berlins haben sich bekannte Künstler zum Dreh zusammengefunden

Gyung Moo Kim verharrt regungslos im Säulengang vor der Alten Nationalgalerie in Mitte. Er steht auf einem kleinen Podest. Sein Gesicht ist schwarz-weiß geschminkt. Eine Fußgängerin bleibt bei ihm stehen, gibt ihm eine kleine Spende. Und plötzlich, wie ausgelassen, fängt Gyung Moo Kim an zu tanzen.

Sein Tanz ist der Beginn eines Kampagnen-Videos der Online-Plattform „Tanzforderung.de“, die am heutigen Donnerstag online geht. Initiiert wurde sie vom Dachverband Tanz in Deutschland (DTD) anlässlich der Regierungsneubildung. „Zunächst wendet sich die Seite an die Tanzszene“, sagt Michael Freundt, Geschäftsführer des DTD. Deren Bedürfnisse sollen dort gesammelt und verdeutlicht werden. Über die Künstler – wie auch das Ensemble von DTD-Mitglied Sasha Waltz– soll die Öffentlichkeit erreicht werden, um Unterstützung für Tanzschaffende zu bekommen. „Danach wenden wir uns an Politiker, um Lösungsansätze für die derzeitige Problematik zu diskutieren“, sagt Freundt.

Für die Organisation des Filmes war die ehemalige Solotänzerin und DTD-Mitarbeiterin Viviana Marrone verantwortlich. Nach ihrer Tanzausbildung in München arbeitete Marrone 2000 bis 2003 als Solotänzerin an der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Tänzer der Hauptstadt wie sie tanzen in dem Film um ihre Rechte. „Natürlich haben wir das Glück, dass unsere Passion auch unser Beruf ist. Aber deswegen können Tänzer nicht von Luft, Liebe und einer Pirouette leben“, sagt Maronne.

„Geld ist für Tanz die Basis“, sagt Michael Freundt. Bei Tanzforderung.de gehe es um mehr Fördermittel für die Tanzbranche. Jährlich werden 100 Millionen Euro von Ländern und Kommunen an feste Tanzensembles mit insgesamt 1400 Tänzern gegeben. Freie Produktionen bekommen oft nur unzureichende finanzielle Unterstützung. Die ehemalige Solotänzerin des Staatsballets Berlin, Corinne Verdeil, die ebenfalls in dem Video mittanzt, betont auch das Thema fehlende Räumlichkeiten für Tanzgruppen und Choreografen. Professionelle Tänzer bräuchten Platz, um zwischen Engagements in Form zu bleiben, sagt Verdeil. „Als Tänzer muss man ständig trainieren, sonst verliert man sofort an Niveau.“

Die Französin war von 2000 bis 2011 Solotänzerin im Ballett der Staatsoper Unter den Linden. „Es war mein Kindheitstraum, Ballerina zu werden, und ich habe hart dafür gearbeitet – wie alle in diesem Beruf“, sagt die 41-Jährige. Nach Beendigung ihrer aktiven Tanzlaufbahn vor zwei Jahren hat Verdeil eine Ausbildung zur Ballettlehrerin abgeschlossen. Die 34-jährige Malgven Gerbes sieht sich als typisches Beispiel der freien Tanzszene Berlins. Nach einem Choreografiestudium in Holland zog sie 2006 nach Berlin, um zusammen mit ihrem Kommilitonen David Brandstätter die Künstlergruppe „Shifts“ zu gründen. „Es gibt in Deutschland Fördermittel für Tanz. Aber viele sind zu gering, um ein Projekt ordentlich durchführen zu können“, sagt die gebürtige Französin. Dieses Jahr erhielten die beiden Künstler vom „Hauptstadtkulturfonds“ 29.000 Euro für ihr Stück „Festina Lente“. Seitdem habe sich viel verändert. „Zum ersten Mal müssen wir unsere Arbeit nicht rechtfertigen und können die Künstler arbeitsgerecht bezahlen.“ Sie hofft, ihre Erfahrungen mithilfe der Online-Plattform mit anderen Tanzschaffenden teilen zu können.

Die Verbundenheit der Tänzer der Hauptstadt stellen in dem Film neun Tänzer und Tänzerinnen dar. In nur 43Sekunden werden diverse Tanzrichtungen, von Hip-Hop bis Ballett, an bekannten Berliner Orten wie auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof oder dem Potsdamer Platz vorgeführt. Das Ende des Films: Ist der mit Geld gefüllte schwarze Hut. Spenden, wie sie Gyung Moo Kim am Anfang des Films erhält.