Zwischenmenschlich

Tischgespräche in Fetzen

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

„Ich könnte jetzt auch auf den Tisch steigen und anfangen zu singen“, sagt die Frau im Café mit Blick auf den Weinbergspark. „Aber ich tu’s nicht.“ Die Runde an ihrem Tisch nickt bedächtig. „Dafür“, sagt die Frau neben ihr, „bist du auch viel zu stark.“

Die Kellnerin kommt, ich bestelle etwas; als sie gegangen ist, spricht ein junger Typ mit Vollbart. „... das ist wie so eine moderne Tauschbörse“, sagt er. „Er hat mir die Haare geschnitten, dafür habe ich ihm ein Gedicht geschrieben ...“ Ich vertiefe mich in meine Zeitung, doch nach ein paar Minuten höre ich wieder hin. „... und dann sollte jeder sagen, was er sich wünscht, und sie ist ganz emotional geworden: ‚Und was, wenn ich keine Wünsche habe?‘, hat sie gesagt. Dann mussten wir alle weinen.“

Ja, ich weiß, hinter vorgehaltener Zeitung fremde Gespräche mithören ist vielleicht nicht die feine Art. Aber es ist ein bisschen wie das Schwerer-Unfall-Prinzip: Man kann nicht wegsehen. Berliner Gesprächsfetzen sind aber auch einfach zu schön. Eine junge Frau zu ihrer Freundin auf der Straße in Prenzlauer Berg: „... ist mir egal, ob das gesund ist, ich kann diesen ganzen Sojamilchscheiß nicht mehr sehen.“ Teenager auf Klassenfahrt in der U-Bahn: „... Berghain war voll lahm, ey, da hat gar keiner auf der Tanzfläche gefickt.“ Die beiden jungen Männer auf der Straße in Kreuzberg: „... und dann hängen die da alle so ab und sind kreativ ...“ – „Da hätt ich ja keinen Bock drauf.“ Eine Mutter zu ihrem kleinen Sohn im Supermarkt: „... außerdem will ich mich jetzt nicht mit dir streiten.“ – „Ich mich aber!“ Der ältere Herr, der am Hackeschen Markt von einem Touristen nach dem Weg gefragt wird: „German Wall? Wir hatten keenen Wall, dit war ’ne Mauer.“

Okay, in solchen Fällen würde ich mich natürlich doch am liebsten komplett hinter meiner Zeitung verkriechen. Aber manchmal würde ich ja schon gern mitreden. Dann hätte ich zum Beispiel fragen können, warum sich auf den Tisch zu stellen eigentlich etwas für Schwache ist. Oder ob ich meine iPhone-Rechnung auch per Gedicht bezahlen kann. Ach ja, und falls ihr mich fragt, ich hätte da sogar einen Wunsch: dass es von den Fetzen weiterhin eine Fortsetzung gibt.