Zwischenmenschlich

Eiskalte Hunde im Nebel

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Es hilft alles nichts, der Herbst ist in der Stadt. Allerdings muss ich sagen, der Berliner kann mit diesem tragischen Umstand ganz gut umgehen. Er ignoriert ihn einfach, wie mir scheint. Jedenfalls sitzen die Menschen in meinem Kiez noch versammelt draußen, während ich im Vorbeihuschen den Kragen meines mit Teddyfell gefütterten Parkas enger ziehe. Diese Menschen sehen auch gar nicht aus, als wüssten sie, was Frieren ist. Oder ein Heizpilz. Auch im Café links neben meiner Haustür werden jeden Morgen um kurz nach neun noch die Tische rausgestellt, sogar in die dicken Nebelschwaden vom Sonntagmorgen (was war das eigentlich für ein Nebel? Unheimlich!). In Hamburg, wo man von Natur aus ja eigentlich viel besser mit so einer dicke Dook und dem ganzen Schietwetter zurecht kommen müsste (und wo ich schon viele dunkle Herbste verbracht habe), ist das anders. Da werden zwar wieder alle durchdrehen, wenn noch mal ein warmer, sonniger goldener Herbsttag kommt, doch ansonsten verkrümeln sich die Menschen ab dem ersten Temperatureinbruch lieber nach drinnen. Inklusive Teddyfell.

Ich hab mich schon gefragt, ob es hier in Berlin an den vielen Spaniern und Italienern liegt, die erst seit Kurzem in Deutschland leben und noch nicht wissen, dass man im Oktober schon drinnen bedient wird. Dabei müsste denen doch als erstes kalt werden. Wahrscheinlich ist der Berliner einfach ein eiskalter Hund. Oder er trinkt einfach genug. (Obwohl, das kann der Hamburger auch.)

Wo wir gerade beim Alkohol sind. Was ist eigentlich in den Bars in und jenseits von Mitte los? Neulich kam mir in so einem leider immer noch nicht vom Aussterben bedrohten Laden, wo man nie die Tür findet, und wenn, dann ein Codewort („Walter White“) sagen muss, ein Typ mit einem Stück rote Paprika im Longdrink entgegen. Nach Gurkenstücken im Moscow Mule, Basilikumblättern im Gimlet und Rosmarinzweigen im Lilee ist das wohl die logische Konsequenz. Demnächst stecken wir dann eine Selleriestange in die Bierflasche. Es sei denn, wir vergessen das mit dem Codewort, setzen uns nach draußen an die kalte Abendluft und bestellen in den aufkommenden Nebel hinein einen stinknormalen Gin Tonic. Mit nichts außer viel Eis.