Zwischenmenschlich

Berlin – ein Sommermärchen

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Das Beste am Sommer? Das Leben verlagert sich nach draußen. In diesen Wochen hat man endlich Zeit, seine Mitmenschen richtig kennenzulernen. Wie viele Alleinunterhalter es allein rund um den Helmholtzplatz gibt, die sich plötzlich vor den Restaurants aufbauen und aufspielen. So wie die drei Jungs neulich, die Michael-Jackson-Songs auf einer Palette von Kochtöpfen zum Besten gegeben haben. Im Weinbergspark trifft man auf potenzielle Soap-Darsteller, die – so laut, dass es alle umliegenden Sonnenanbeter hören – von ihrem letzten Wochenende erzählen. Welches deutlich mehr zu bieten hat als vier Wochen „GZSZ“.

Hören kann man im Sommer selbst diejenigen, die zu Hause sind, durch die weit geöffneten Fenster. So wie meinen Nachbarn, der vergangenen Freitag den kompletten Innenhof mit seiner Techno-Grill-Party beschallt hat. Ein Mitvierziger also, den „Tresor“-Zeiten nachhängend. Bis halb elf am nächsten Vormittag ging das, doch keiner hat sich beschwert. Warum auch, es ist schließlich Sommer, und am nächsten Tag sucht man sich eben einen ruhigen Platz am Tegeler See.

Ein weiteres Sommerhörspiel gab es neulich in Friedrichshain, wo ein Pärchen hinter der offenen Balkontür so laut Sex hatte, dass die Menschen vor den Kneipen sie ebenso laut angefeuert haben und nach dem vermeintlichen Höhepunkt in Jubel ausgebrochen sind. Im Winter hätten die beiden am nächsten Tag höchstens einen verschämten Blick vom Nachbarn bekommen. So etwas passiert eben nur an den heißesten Tagen des Jahres. Womit bewiesen wäre: Eigentlich ist es der Berliner Sommer, der Applaus verdient.