Porträt

„Ich bin eine Gewürzmischung“

Die Schauspielerin Proschat Madani hat ein Buch geschrieben. Über Heimatlosigkeit, Vorurteile und die Suche nach Identität

„Berlin war ein absoluter Kulturschock für mich“, sagt Proschat Madani. Wir treffen die Schauspielerin in einem Café in Charlottenburg. Ihrem Kiez, in dem sie in der Hauptstadt lebt. „Diese patzige Art, die Berliner Schnauze, die ich inzwischen sehr mag: Das war im Vergleich zu dem, was ich aus meiner Vergangenheit aus Wien kenne, ein starker Kontrast.“

Die 45 Jahre alte Frau mit persischen Wurzeln, die in Wien aufgewachsen ist und mittlerweile seit elf Jahren in Berlin lebt, hat ein Buch geschrieben. Die Schauspielerin, bekannt aus Serien wie „Tatort“ und „Der letzte Bulle“, denkt darin über das Finden einer Heimat nach. Sie wird sich darin bewusst, dass Fremdsein keine Frage der Nationalität ist. Mit ihrem Erstlingswerk, „Suche Heimat, biete Verwirrung“, verarbeitet sie diese ernsten Gedanken mit humorvollen Betrachtungen.

Sich selbst bezeichnet Proschat Madani als heimatlos. „Das ist aber überhaupt nicht schlimm“, sagt sie. „Ich bin kein Koriander und kein Knoblauch. Nichts, was man genau definieren kann. Aber darin sehe ich den Reiz.“ In einer Mischung könnten sich die Bestandteile bereichern, sagt sie. Und es komme „etwas sehr Sinnliches“ dabei heraus.

Für diese Erkenntnis hat die Berlinerin, die eine österreichische Staatsbürgerschaft besitzt und zudem einen persischen Pass hat, lange gebraucht – und lange gelitten. Im Alter von zwei Jahren hat sie mit ihrer Mutter, Großmutter und ihren drei Geschwistern den Iran mit der Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft in den USA verlassen. „Im Iran wäre vieles nicht möglich gewesen“, sagt Proschat Madani, „und das wusste meine Mutter genau.“ Ohne Vater ist die Familie vor 43 Jahren aus dem Land ihrer Wurzeln gegangen. Über Umwege ist sie schließlich in Wien gelandet, wo die Autorin ihre Kindheit und Jugend verlebt hat. „Das war das einzige Land, in dem wir bleiben durften.“ In den darauffolgenden Jahren hat ihre Mutter eine Pension in Wien eröffnet und erfolgreich Karriere als Unternehmerin gemacht. „Sie ist das perfekte Beispiel dafür, dass die Integration von Ausländern in eine Gesellschaft super gelingen kann“, sagt Proschat Madani. „Aber trotz des Erfolgs ist Österreich nie ihre Heimat geworden.“

Die Österreicherin selbst gibt zu, dass heute ihr „Herz für Wien schlägt“. Die kulturelle Anbindung an die Stadt sei immer noch enorm. Als ihre Heimat würde sie die österreichische Hauptstadt dennoch nicht bezeichnen – eben weil sie sich ihrer Wurzeln bewusst sei. Es sei genauso verwirrend, in Deutschland schief angeschaut zu werden, weil sie nicht fließend Iranisch spricht, wie das unbehagliche Gefühl zu haben, wenn sie in den Iran einreist. In ihrem Buch beschreibt sie anhand von Alltagssituationen wie diesen ihre Suche nach einer Identität.

„In eine Schablone zu passen und damit mit der Gesellschaft konform zu gehen ist einerseits bequem, weil man nichts hinterfragen muss“, gibt sie zu. „Andererseits entgeht einem oftmals dabei, sich selbst gegenüber authentisch zu sein.“ Heute, wo Proschat Madani sich dessen bewusst ist, lebe es sich viel leichter und unbeschwerter. Doch: Auch sie habe Vorurteile gegenüber Menschen, die immer wieder zum Vorschein kommen, sagt sie und lächelt dann leicht beschämt. „Vorurteile sind normal, aber wenn man sie hat, sollte man sie nicht allzu ernst nehmen.“ Auch darauf weist die Autorin, deren Mutter noch immer in Wien lebt, in ihrem Buch hin. Zu ihrer 20 Jahre alten Tochter, die in Brighton studiert, hat sie einen guten Kontakt. Ihr war es wichtig, dass die beiden wichtigsten Frauen in ihrem Leben, Mutter und Tochter, das Buch lesen – und sich darin wiederfinden.

Das tun sie, wenn auch nicht so wie Proschat Madani. Aber jeder sei eben anders. Darin sind sie sich einig. Und: Mittlerweile fühlt sich die Autorin auch wohl in Berlin. Der Stadt, die nicht ihre Heimat ist.