Supper Clubs

Mein Haus ist dein Haus

In Berlin etablieren sich Supper Clubs. Hobbyköche laden Fremde zum Dinner zu sich nach Hause ein. Ein Besuch

Ein Unbekannter holt sie ab. Durch zwei Hinterhöfe führt er die Gäste zu einem Aufzug in einem ehemaligen Fabrikgebäude, dann hinauf in eine Loft-Wohnung. Der Unbekannte heißt Samuel Rutledge. Ihn finden nur Suchende, die wissen, dass er sie an ihr Ziel führen wird.

Jeden Freitag und Sonnabend verwandelt sich das Loft mit den großen Fenstern in Tiergarten in das Guerilla-Restaurant „Jung Grün & Blau“. Über die Webseite des Supper Clubs können sich Interessierte anmelden, per E-Mail bekommen sie die Adresse zugeschickt. Maximal acht Gäste werden eingeladen. „Es soll intim bleiben“, sagt der Koch, Dylan Watson-Brawn. Seit Anfang des Jahres betreibt der 19-jährige Kanadier mit seinen Freunden, Maria Keller und Samuel Rutledge, die heimlichen Abendessen in der gemeinsamen Wohnung. Serviert werden zwischen 17 und 22 Gänge, für eine freiwillige Spende von 85 Euro.

Abgesehen von den japanischen Gewürzen, die Watson-Brawn verwendet, verarbeitet er regionale Produkte von kleinen Herstellern. Auch die begleitenden Weine sind deutsch. „Zu uns kommen Menschen, die nicht nur essen, um satt zu werden, sondern die, die ein gastronomisches Erlebnis suchen“, sagt Dylan Watson-Brawn.

In Berlin gibt es mittlerweile mehr als 20 Supper Clubs. Die Idee: Hobbyköche bereiten in ihrer Freizeit Essen für Fremde zu. Den nach eigenen Angaben ersten Supper Club Berlins, den „Schychef“, gibt es schon seit sechs Jahren. Seitdem hat sich das Konzept zum Trend entwickelt. Besonders in Kreuzberg und Prenzlauer Berg entstehen Dutzende der heimlichen Dinner, mittlerweile sogar mit Spezialisierung, wie das „Sophiencafé“, das nur Nachtische anbietet, oder „b.alive!“, wo es viel vegane Rohkost gibt.

Dylan Watson-Brawn hat schon in Sternerestaurants wie dem „Ryugin“ in Tokyo oder dem „Noma“ in Kopenhagen gearbeitet. Seine Küche ist japanisch-französisch. Der in Dashi eingelegte Mangold im neunten Gang wird mit Miso-Mayonnaise serviert. Jedes Gericht stellt der Koch einzeln vor – genau wie in normalen Gourmetrestaurants. Dylan Watson-Brawn ist aus Tokyo nach Berlin gezogen, um bei seiner Freundin zu sein. Supper Clubs kennt er aus Hong Kong. Auch in London und New York gibt es viele dieser Pop-up-Restaurants.

Bei „Jung Grün & Blau“ sind an diesem Tag drei Berliner sowie Paul Roemen, Will Shapiro und Anne Hong aus Los Angeles zu Gast. Sie machen Urlaub in der Stadt. „Wir wollten etwas weniger Touristisches machen“, sagt Paul Roemen. Anne Hong hat das Dinner bei einem Foodblog im Internet entdeckt. In Berlin sind die geheimen Dinner so gefragt, dass manch Organisator dafür den eigentlichen Job aufgegeben hat. So wie Daniel Grochues. Er war selbstständiger Designer und betreibt nun hauptberuflich „Daniel’s Eatery“. „Mir ist es wichtig, so viel Zeit wie möglich mit den Gästen zu verbringen“, sagt Daniel Grochues.

Auch Dylan Watson-Brawn beteiligt sich immer wieder an den Gesprächen. Am Ende des Abends kommt er ein letztes Mal zum Tisch. „Für mich ist das hier so etwas wie ein Experiment“, sagt er, während er das Dessert verteilt. Jede Woche probiere er neue Gerichte aus. Nur noch bis Oktober soll es seinen Supper Club geben. Danach möchte er Käse herstellen, sagt er. „Ich weiß, das ist etwas anderes. Aber ich möchte immer ganz große Dinge in kürzester Zeit machen.“