Interview

„Was in Berlin passiert – das ist Lifestyle“

Bread & Butter-Chef Karl-Heinz Müller spricht über den Erfolg der Fashion Week und zeitgenössische Bekleidungskultur

Karl-Heinz Müller ist Chef der Modefachmesse Bread & Butter, die er 2001 in Köln gründete, 2003 nach Berlin verlegte und am Dienstag wieder eröffnet. Erst kurz vor seiner Opening Party am Montagabend ist er aus Paris zurückgekehrt. Alexandra Kilian sprach mit ihm.

Berliner Morgenpost:

Herr Müller, wie oft sind Sie in Paris?

Karl-Heinz Müller:

Vier bis sechs Mal im Jahr.

Und wie viel weiter ist man dort in Sachen Mode im Vergleich zu Berlin?

Überhaupt nicht weiter. Paris ist nur anders. Die Stadt hat gegenüber Berlin keinen vergleichbaren Vorteil. Natürlich ist Paris eine tolle Stadt, hier ist die Haute Couture zu Hause. Berlin ist weniger Couture, weniger Prêt-à-Porter, Berlin ist Street & Urban, Berlin ist Lifestyle pur. Berlin und Paris kann man nicht vergleichen.

Was ist das einfach andere Berlin?

Berlin ist zur Zeit die heißeste Stadt in Europa, vielleicht sogar in der Welt. Alle Kreativen, ob Stilist, Designer, Produktmanager, Marketing-Leute, Einkäufer schätzen Berlin als enorme Inspirationsquelle. Die kontemporäre Mode ist in Berlin weit ausgeprägt. Als ich jetzt wieder in Paris war, habe ich gedacht: „Wie weit vorne ist Berlin“. Du spürst es, wenn Du Dir die Geschäfte im Marais anschaust oder beim Ausgehen. Berlin ist schon mega. Ich freue mich immer, wenn ich nach einer Geschäftsreise, ob aus Mailand, Paris, London oder New York, wieder nach Berlin zurückkomme. Die Messen und Schauen haben sich in Berlin enorm entwickelt. Das hat keine andere Stadt so schnell aus dem Nichts geschafft. Mittlerweile gibt es rund um die Fashion Week 16 mehr oder weniger große Messen, viele Schauen und zahlreiche Veranstaltungen, wie Empfänge, Presse-Events. Mit diesem vielfältigen Angebot an zeitgemäßer Mode, konzentriert an einem Ort, kann keine andere Modemetropole der Welt mithalten.

Obwohl Escada oder Boss dieses Mal gar nicht auf der Fashion Week vertreten sind…

So what, es wäre doch Quatsch, ja sogar kompletter Blödsinn, von der momentanen Abstinenz dieser beiden Marken etwas abzuleiten. Ich hatte vor Kurzem ein Gespräch mit unserem Finanzsenator Nußbaum, der sich ebenfalls Sorgen macht, weil diese beiden Firmen diesmal nicht kommen. Ich sage: Ob mit oder ohne Boss, mit oder ohne Escada, Berlin wird seinen Weg gehen und zwar nach vorne, ganz nach vorne.

Was ist dann die große Mode, an der sich ein Erfolg der Fashion Week messen ließe?

In Berlin geht es nicht um die große Mode. Wenn wir von der großen Mode sprechen, dann müssen wir von vielleicht zwei Dutzend großen Modeschöpfern sprechen, die wir auf der Welt in der jüngeren Vergangenheit hatten beziehungsweise noch haben. In Berlin geht es um das, was auf der Straße passiert und entsteht. Vieles ist doch konstruiert. Was hier in Berlin passiert – das ist Lifestyle. Berlin selbst ist ein riesiger Life-Catwalk. Es sind bis zu zweitausend Marken, mit mehreren tausend Kollektionen, die während der Fashion Week in Berlin konzentriert zusammenkommen. Sie kommen von überall her, aus der ganzen Welt. Ich möchte nochmals betonen, das ist einzigartig auf der Welt. In dieser Woche wird sich Berlin in einen riesigen internationalen Fashion-Hub verwandeln, die Hotels und die Restaurants werden voll sein, die Taxifahrer freuen sich, dass sie bis in die späte Nacht tolle, lustige Fahrgäste durch die Stadt fahren dürfen, die Modeläden werden sehr gute Umsätze haben. All das ist ein riesiger Erfolg. In Berlin wird in dieser Woche viel Geld verdient.

Auf wen freuen Sie sich denn besonders?

Ich freue mich auf alle, weil wir jede einzelne Marke ausgesucht haben, 600 Marken, auf die wir alle stolz sind. Aber am meisten freue ich mich natürlich auf die dazu gehörenden Menschen. Ich habe das Gefühl, es ist für alle wie ein Klassenausflug, auf den sich immer alle freuen. Allerdings sind wir damals nur einmal im Jahr auf Klassenreise gegangen. Die Modeleute dürfen zweimal im Jahr nach Berlin. Und heute Abend feiern wir erst einmal unser Opening auf unserem Veranstaltungsgelände, dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof. Cody Chestnutt kommt, das wird großartig.

Von 2007 bis 2009 waren Sie ja mit der Bread & Butter in Barcelona.

Ja, das stimmt, wir waren zweieinhalb Jahre nicht in Berlin. Wir waren in Barcelona. Unser Problem war die geeignete Location. Die Hallen im ehemaligen Siemens-Kabelwerk sind seinerzeit zu klein geworden, und es gab keine Alternative. Und dann hatten wir riesiges Glück, dass der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof frei wurde und wir ihn nutzen durften. Sonst hätten wir gar nicht wiederkommen können! Ich bin froh, dass wir damals, als wir in Berlin angefangen haben in 2003, die mutige Entscheidung getroffen haben, aus Köln/Düsseldorf wegzugehen. Aus der etablierten Gegend Rheinland zu dem bis dahin unbeschriebenen Blatt Berlin. Viele Mode-Profis haben uns prophezeit, dass Berlin nicht funktionieren würde. Wir haben immer an Berlin geglaubt und wir haben Recht behalten. Unser Mut zum Risiko wurde belohnt – wir sind bis heute sehr, sehr glücklich in und mit Berlin. Und wir wollen Berlin im Lauf der nächsten Jahre zu einer echten, richtigen Modestadt machen. Da ist kein Ende in Sicht.

Es gibt keine Expansionspläne?

Es gibt immer wieder Versuchungen durch interessante Angebote aus anderen Städten. Bisher habe ich den Versuchungen aber widerstanden. Obwohl da oder dort sicher gute Umsätze zu erzielen wären.

Was werden die Besucher dieses Mal auf der Bread & Butter lieben?

Denim is back. Alle werden Jeans lieben, Jeans für Damen und Herren wird das zentrale Thema. Viele neue Marken und Label aus den USA, England, Schweden, Holland und Japan sind vertreten. Dark Indigo, eher zurückgenommene Waschungen dominieren. Dazu bunte Beach & Surfwear in floralen Mustern. Zudem bleiben maritime Themen wichtig.