Musik

Zum Tango mit Erwin Schrott

Der „sexiest Bariton alive“ kehrt zu seinen musikalischen Wurzeln zurück – und bringt dabei Frauenherzen zum Schmelzen

Wie es sich für einen echten Latino gehört, ist das Hemd einen Knopf zu weit geöffnet. Ein markantes Aftershave weht herüber. Er begrüßt mich mit einer tiefen, sonoren Stimme. Dazu bekomme ich ein Lächeln, das wohl dazu gedacht ist, Frauenherzen schmelzen zu lassen. Auch wenn man eigentlich überhaupt nicht auf Latin Lover steht. Den tiefen Blick aus dunkelbraunen Augen erwidere ich mit einem breiten Lächeln.

Spätestens jetzt ist klar, dass mein geplantes Interview mit Erwin Schrott anders verlaufen wird, als geplant. Der Opern-Weltstar ist von kommender Woche an mit seinem Programm „Rojotango“ in Deutschland unterwegs. Am 4. Juni tritt der gebürtige Uruguayer – der gern auch als „sexiest Bariton alive“ betitelt wird – im Berliner Admiralspalast auf und präsentiert das Repertoire seines gleichnamigen Albums. Der 40-Jährige, der zudem der Ehemann von Operndiva Anna Netrebko ist, offenbart dem Publikum seine Leidenschaft für die Musik seiner Heimat, besonders für den Tango. Und diese Leidenschaft bekommt man auch abseits der Bühne zu spüren. Warum dann nicht zum Aufwärmen eine Runde tanzen, denke ich mir. Es ist ja genügend Platz im Foyer des „Mandala“-Hotels am Potsdamer Platz, in dem das Interview stattfindet.

Erwin Schrott übernimmt dann auch gleich die Führung. „Wenn ich Tango tanze, dann fühle ich Nähe und Zärtlichkeit gegenüber der Frau, mit der ich tanze. Ich möchte, dass sie in meinen Armen zerschmelzen kann“, sagt er mit seiner tiefen Stimme, während er mir zeigt, wie nah man doch beim Tango zusammenstehen muss. Ich spüre seinen Atem auf meiner Wange. „Das ist es, worum es beim Tango geht. Nur um die Frau.“

Die Idee, durch diese Tanzeinlage eine entspanntere Gesprächsatmosphäre zu schaffen, funktioniert nur bedingt. „Das klingt – toll“, ist das Einzige, was mir dazu einfällt. Für den Rest des Gesprächs wechseln wir dann lieber in den Konferenzraum des Hotels. Ein gewisser Sicherheitsabstand ist um einiges angemessener, um klar zu denken – und immerhin auch zu arbeiten. Dann schwärmt Erwin Schrott von seiner Kindheit in Südamerika, seiner Liebe zur Musik, seiner Ehe mit der Bühne, wie er sagt.

„Ich bin überzeugt, dass musikalisches Talent in deiner DNA gespeichert ist, und bereits mein Großvater war ein unglaublicher Geiger. Deshalb war es für mich nie eine Frage, was ich wohl einmal mit meinem Leben anfangen würde“, sagt Erwin Schrott. „Musik erweitert deinen Horizont und bringt dich dazu, anders zu denken.“ Und was denken Sie beim Tango? Diese – nach unserem Einstand wahrscheinlich recht erwartbare – Frage kann ich mir dann doch nicht verkneifen. „Wenn ich Tango singe, dann ist das für mich wie Liebe machen“, sagt Schrott. Und selbst, wenn auch bei dieser Antwort wieder die Klischee-Alarmglocken läuten müssten: Irgendwie nimmt man ihm seine Rolle dennoch ab – Latino hin oder her.