Pur

Entschleunigung statt Rock ’n‘ Roll

Seit knapp 30 Jahren ist Hartmut Engler mit „Pur“ erfolgreich im Geschäft. Auf Tour geht es mittlerweile beschaulicher zu

Man liebt sie oder man hasst sie – dazwischen scheint es im Fall von „Pur“ nichts zu geben. Doch egal, was man von der Band um Frontmann Hartmut Engler halten mag, der Erfolg der Musiker aus dem Ländle ist unbestritten. Das neue Album „Schein und Sein“, das im November 2012 erschienen ist, schaffte es bis auf Platz Zwei der deutschen Charts, die dazugehörige Tour im Februar und März dieses Jahres besuchten 140.000 Fans. Dabei sah es zunächst so aus, als stünde 2013 unter keinem guten Stern. Der Tourstart musste wegen einer Stimmbandreizung Englers mehrfach verschoben werden. „Das ist mir in 30 Jahren noch nie passiert. Ich wollte mich am liebsten verkriechen“, erinnert sich der Sänger. Die eigenen Anhänger waren weniger streng: „Ich glaube, die Fans haben es uns auch nicht übel genommen“, sagt er. „Wir hatten nur ganz wenige zurückgegebene Tickets.“

Dass der Körper manchmal nicht mehr so will wie der Musiker, diese Erfahrung musste Hartmut Engler schon einmal machen. 2008 begab er sich nach einem Burnout für kurze Zeit in eine Klinik. Die Konsequenz aus dieser existenziellen Erfahrung: Engler krempelte sein Leben um und setzt heute mehr auf Entschleunigung als auf Rock ’n’ Roll – eine Tatsache, die sich auch auf Tour mit Pur bemerkbar macht. „Ich muss heute nicht mehr auf jeder Party mit dabei sein. Ich nehme mich einfach ein bisschen mehr raus und habe besser gelernt, ,Nein’ zu sagen“, erklärt er. Dass es hinter der Bühne mittlerweile ein wenig beschaulicher zugeht als noch vor einigen Jahren, sei jedoch auch dem fortschreitenden Alter aller Bandmitglieder geschuldet: 2011 feierten Pur ihr 30-jähriges Jubiläum, alle Mitglieder sind inzwischen um die 50 Jahre alt.

„Es gab Jahre, in denen wir es richtig krachen lassen haben. Heute trinken wir nach der Show vielleicht noch ein Glas Wein im kleinen Kreis und gehen dann ins Bett. Morgens trifft sich dann gegen 10 Uhr unsere Laufgruppe“, verrät Hartmut Engler. Auf die wilde Vergangenheit schaut er ganz ohne Wehmut: „Es gibt für alles seine Zeit. Wir würden das heute gar nicht mehr durchstehen, so wie mit 30.” Nach einer Tour freue er sich jetzt jedes Mal ganz besonders auf zu Hause und einen gemütlichen „Tatort”-Abend. „Nur für die Musik werden wir dann ab und zu doch gerne mal zu Zigeunern.“ In diesem Fall am 1. Juni. Dann startet die „Schein und Sein”-Open-Air-Tour von Pur im bayerischen Tännesberg. In Berlin spielt die Band am 7. September in der Wuhlheide. Angst vor schlechtem Wetter hat Hartmut Engler nicht: „Oft ist es so, dass sich die Leute an Regenkonzerte im Nachhinein besonders gerne erinnern, weil sie das quasi gemeinsam mit der Band durchgestanden haben.”