Kino

David schlägt Goliath

Der kleine Berlin-Film „Oh Boy“ ist mit sechs Lolas der große Sieger des Abends, das Mega-Werk „Cloud Atlas“ wird mit fünf Trostpreisen abgestraft

Es gehört zum Naturell von Preisverleihungen, dass es nicht nur Sieger, sondern auch Verlierer geben muss. Es gehört aber zu den Eigenheiten derartiger Verleihungen, dass ein Verlierer gar nicht immer ohne Preise dastehen muss und trotzdem als solcher betrachtet wird. So war das auch gestern bei der Verleihung des 63. Deutschen Filmpreises, der zum neunten Mal von der Deutschen Filmakademie ausgerichtet wurde.

Der Abend im Friedrichstadt-Palast war von Anfang an ein großes Duell, ja eine Richtungsentscheidung. Selten war die Bandbreite des hiesigen Kinos so klar an zwei Filmen festzumachen: Hier „Cloud Atlas“, der mit 100 Millionen Euro teuerste Film, der je auf deutschem Boden finanziert wurde. Eine internationale Koproduktion mit drei Welt-Regisseuren, Hollywoodstars und aufwändigen Special Effects: Favorit Nummer Eins mit neun Nominierungen. Und da „Oh Boy“, ein kleines Filmjuwel, ein schwarzweißes Independentwerk, für magere 300.000 Euro entstanden, mit dem ein Nachwuchsregisseur sein Filmdebüt vorlegt: Favorit Nummer Zwei mit acht Nominierungen. David gegen Goliath.

Fast mussten einem alle anderen ebenfalls nominierten Filme leid tun. Denn ganz klar ging es um die Frage, ob man die kleine oder die große Lösung wählt. Und nicht wenige im Saal führten dabei Strichlisten. Am Anfang deutete alles auf „Cloud Atlas“ hin, der in den Nebenkategorien Kamera, Szenenbild, Schnitt, Maske, Kostümbild absahnte. Aber je mehr es in Richtung Hauptkategorien ging, desto mehr holte „Oh Boy“ auf. Angefangen mit Michael Gwisdek als bester Nebendarsteller – der hier sein ganz privates Duell gegen seinen Sohn Robert gewann (und ihm für diese Lola dankte).

Nach der Filmmusik kamen Tom Schilling als bester Hauptdarsteller (unfassbar, er war noch nie für eine Lola nominiert!), zwei Trophäen für den Regisseur Jan Ole Gerster selbst, für sein Drehbuch und für seine Inszenierung. In vier Kategorien konkurrierten „Oh Boy“ und „Cloud Atlas“ direkt miteinander, drei Mal gewann dabei der David. Und dann, als es in die Königskategorie Bester Film ging, gab es kein Bronze und auch kein Silber für Tom Tywker und seine X-Filmer. Deren Gesichter wurden immer länger. Schließlich ging auch das Gold an den „Boy“. Klarer kann eine Entscheidung nicht gefällt werden.

Es ging hier nicht nur um private Vorlieben. Auch nicht darum, welches der bessere Film ist. Es ging um den Streitpunkt, was ein deutscher Film ist. „Cloud Atlas“ ist ein faszinierendes, ein großartiges Werk. Aber ist, diese Frage musste man sich stellen, ist diese internationale Koproduktion, die in mehreren Ländern auf Englisch gedreht wurde, wirklich ein deutsches Werk? Eine der drei Grundkriterien der Akademie lautet, dass ein Film entweder auf Deutsch oder von einem deutschen Regisseur gedreht worden ist. „Cloud Atlas“ aber wurde auf Englisch gedreht, und Tom Tykwer ist nur einer von drei Regisseuren. Streng genommen erfüllt er die Kategorie nicht. Hätte „Cloud Atlas“ eine der Haupt-Lolen gewonnen, hätte das zu einer höchst kontroversen Debatte geführt.

Zumal es hier nicht nur um Trophäen geht, sondern auch um öffentliche Fördergelder, die mit ihnen verbunden sind. Es gibt Kräfte in der Akademie, die wollen sich öffnen, die wollen dem Filmbusiness Rechnung tragen, das zunehmend auf Koproduktionen und Multifinanzierungen angewiesen ist. Aber warum werden dann amerikanische Maskenbildner nominiert, nicht aber deutschsprachige Schauspieler wie ein Christoph Waltz für seine brillante, auch oscar-gekrönte Darstellung in „Django Unchained“? Es gibt auch Kräfte, die diese Entwicklungen sehr kritisch sehen. Und die überwiegen wohl bei der 1800 Mitglieder starken Akademie. Tom Tykwer hat das zu spüren bekommen. Seine Firma X-Filme auch (die ja noch einen anderen Film im Rennen hatte, der gar nichts abbekam, „Quellen des Lebens“ von Oskar Roehler).

Aufs Treppchen aber durfte dreimal ein 34-jähriger Debütant steigen, der schon beim zweiten Mal meinte, dies sei ein Preis zu viel. Er wurde an diesem Abend gefeiert wie sonst nur Werner Herzog, der den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhielt. Und in den frenetischen Applaus meinte man fast auch die Erleichterung zu hören, dass einem die Debatte erspart bleibt. Es war eine amerikanische, eine Oscar-Lösung. Dem Blockbuster die kleinen Preise, dem Kunstfilm die großen. So war es auch letztes Jahr, bei Roland Emmerichs in Babelsberg gedrehten Hollywoodfilm „Anonymus“. Aber es gab bei der Lola 2013 ein paar Dankeschöns zu viel, die eben nicht auf Deutsch gesprochen wurden.

Der deutsche Film ist sexy. Das war das Leitmotiv dieser Gala-Veranstaltung. Der ehemalige Sat.1-Chef Fred Kogel, der die Regie des Abends innehatte, ließ das ermüdend oft in diversen Varianten betonen, nicht zuletzt durch die berühmte Girl-Reihe des Friedrichstadt-Palastes. Diesen Mut muss man sich aber auch im übertragenen Sinne zusprechen. Und der Goldregen für „Oh Boy“ ist das Ergebnis davon. Die Diskussion darüber, was ein deutscher Film ist oder genauer, was für einen nationalen Filmpreis nominiert werden sollte, sie kann nun in einem ruhigeren Ton geführt werden. Geführt werden muss sie gleichwohl.