Attila Hildmann

„Für eine Bratwurst bin ich zu eitel“

Attila Hildmann ist das Gesicht der veganen Bewegung in Berlin, er schreibt Kochbücher

Sein Markenzeichen, der Waschbrettbauch, ist gut verborgen. An diesem grauen Tag kommt Attila Hildmann im schlabbrigen grauen Trainingsanzug ins Büro seiner PR-Agentur unweit des Berliner Kudamms, dazu trägt er weiße, sichtlich abgelaufene Sneakers und eine Bomberjacke von Alpha Industries: Auf den ersten Blick sieht der Berliner wie ein junger Türke aus, der gerade aus Kreuzberg herübergejoggt ist. Dennoch wirkt er ausgeruht, die Bewegungen sind ruhig, aber kraftvoll, ebenso sein Händedruck.

Seit zwölf Jahren ernährt sich Hildmann ohne Fleisch und andere tierische Produkte. Und damit ist er nicht allein. Nach immer neuen Lebensmittelskandalen möchten immer mehr Deutsche sich vegetarisch oder sogar vegan ernähren, zumindest mal ausprobieren. Nicht nur kein Fleisch, nein, Menschen, die sich vegan ernähren, essen auch keine Eier, keine Milchprodukte oder auch keinen Honig. Sie tun das, um die Rechte der Tiere, die Umwelt oder ihre Gesundheit zu schützen. Der Berliner Attila Hildmann ist das junge Gesicht dieser neuen veganen Bewegung, die wenig von Dogmen und strengen Verboten, aber viel von Spaß und Lebenslust hält.

Durchtrainiert und jovial

Der durchtrainierte 31-Jährige mit dem strahlenden Lächeln, gibt seinen Kochbüchern Titel wie „Vegan for fun“ und „Vegan for fit“ (mit über 70.000 Verkaufsexemplaren mittlerweile schon ein Bestseller). Hildmann kocht in Shows wie „TV Total“ oder „Volle Kanne Susanne“, dazu gibt er Tausenden von Anhängern über seine Facebook-Seite Ernährungs- und Fitness-Tipps. Mittlerweile verkauft er in Deutschland mehr Kochbücher als der Brite Jamie Oliver, mit dessen jovialer Präsentation er gerne verglichen wird.

Doch Hildmanns Essgewohnheiten waren früher ganz anders. „Ich war ein totaler Junkfood-Fan“, erinnert sich der junge Mann, der bereits mit Anfang 20 unter erhöhten Cholesterinwerten litt. Fotos von damals zeigen einen dicklichen jungen Mann mit Basecap, der nur vage dem trainierten Athleten von heute ähnelt. Dazwischen liegen nicht nur 35 Kilogramm Gewichtsverlust. Die Bilder, sie sind auch ein wichtiger Teil der sogenannten „Challenges“, die sein Markenzeichen sind. Die hildmannschen „Herausforderungen“ – angelehnt an die Levels von Videospielen – dauern 30 Tage. In der Zeit wird vegan gegessen und viel Sport getrieben. Vorher und nachher wird das Gewicht überprüft, mittels Fotos und Waage. „Öffentlicher Druck ist wichtig, dann erreichst du dein Ziel.“ Er selbst filmte sich einst beim Abnehmen und stellte die Videos ins Internet, auch, um sich selbst Druck zu machen.

Überhaupt, das Internet. Es ist längst Hildmanns wichtigstes Instrument. Dort veröffentlichte er auf seiner Website erste eigene Rezepte, startete bei YouTube eine eigene Kochshow und erreichte so Schritt für Schritt ein größeres Publikum, ehe er im Selbstverlag sein erstes Kochbuch veröffentlichte. Für das Buch „Vegan for fit“ hat Hildmann sein „Challenge“-Prinzip noch mal präzisiert. Menüs zum Kombinieren gibt es dort, dazu Tipps für ein Sportprogramm und viel Motivationslyrik. Zu sehen sind farbenfrohe Menüs und dazu der hildmannsche Luxuskörper. Von traditionellen Veganer-Kochbüchern, die gerne graubraune Linsenpürees zeigen, ist das meilenweit entfernt. Attila Hildmann winkt, auf sein Verhältnis zur veganen Szene angesprochen, genervt ab.

Das deutsche „Über-Veganertum“ sei schlimm. Dieses Ringen um die reine Lehre oder den größtmöglichen Verzicht! „Mir reicht es schon, wenn jemand einmal die Woche vegan isst. Oder mal das Fleisch weglässt.“ Veganismus light also? „Ich fixe die Leute an mit meiner Diät, mit einer Aussicht auf Gewichtsverlust“, sagt er und weiß: Das zieht in unserer körperbewussten Zeit, bei einer Klientel, die im Bioladen einkauft, ins Fitnessstudio geht und sich für die Schönheit gerne auch mal quält. Deshalb findet er es auch „gar nicht unmännlich“, Veganer zu sein, ganz im Gegenteil: „Mein Bewusstsein ist maskulin. Ich weiß, dass ich mit meinem Fleischverzicht Leben schone!“

Ob er nicht viel erklären müsse, diese durchaus komplizierte Sache mit dem Veganismus? Etwa wenn er erstmals mit einer Frau ausgehe? Nein, sagt er und klimpert treuherzig mit den dunklen Augen. „Ich lerne eh vor allem andere Veganerinnen kennen“, und das sei auch gut so. Die hätten nämlich ein viel besseres Körperbewusstsein, und besser riechen als die „Fleischfresser“ würden sie auch, „das ist für’s Küssen doch wichtig“, sagt er.

Hat er nicht doch manchmal Lust auf die Hamburger? Oder auf eine Bratwurst? Hildmann windet sich, will nicht streng rüberkommen. „Mein Gott ja, da isst man halt mal eine Bratwurst“, sagt er dann schulterzuckend. „Ich mache es aber nicht! Für eine Bratwurst bin ich einfach zu eitel. Was bringt die mir, außer, dass ich mich danach schlecht fühle?“