Wotan Wilke Möhring

Pures Testosteron

Eine Begegnung mit Darsteller Wotan Wilke Möhring

Andere würden jammern. Wotan Wilke Möhring lächelt. Kommt in die Hotellobby geschlendert, als ginge er eine Runde joggen: Turnschuhe zur Kapuzenjacke, die Laune im mehrstelligen Plusbereich. Dreharbeiten bis in die Morgenstunden? Kein Problem. Interviews im Viertelstundentakt? Als "Tatort"-Schauspieler habe man eben "eine Verantwortung dem Publikum gegenüber", sagt der Mann, der künftig als Kommissar Thorsten Falke im ARD-Sonntagskrimi ermittelt. "Feuer über Flottbek" heißt sein erster Fall und spielt in Hamburg. In der Hauptrolle: Wotan Wilke Möhring - der große Lässige unter den deutschen Schauspielern. Und vielleicht der Einzige, der diese Lässigkeit nicht nur spielt, sondern tatsächlich lebt.

Den Kommissar hat er oft gegeben in seiner Karriere, im ZDF-Krimi "Stralsund" etwa oder im Drama "Zwölf Winter". Auf die Titelblätter geschafft hat er es damit nicht. "So sexy war ,Tatort' noch nie", gratulierte die "Bild"-Zeitung in Großbuchstaben, als Möhrings Engagement bekannt wurde. Gefällt's ihm? "Das ist nicht meine Privatansicht, aber es gibt schlimmere Schlagzeilen", sagt Möhring, der weniger durch Samthaut, Solarium und manikürte Fingernägel auffällt. Es ist der Charme des Rebellen, den er hat. Grüne Augen, die auf dem Bildschirm je nach Rolle schalkhaft aufblitzen oder sich stumpf in Lebensmüdigkeit verlieren können, und eine Körperspannung, stets bereit zum Endspurt - das sind die Markenzeichen des 45 Jahre alten Schauspielers. "Wir haben explizit nach Testosteron gesucht", sagt NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath über die Wahl des neuen "Tatort"-Familienmitglieds.

Wotan Wilke Möhring ist allgegenwärtig im deutschen Film. Neben ("Tatort"-Kumpan) Til Schweiger war er zuletzt im Kinoerfolg "Männerherzen" zu sehen, für den NDR hat er das mehrfach preisgekrönte Mobbingdrama "Homevideo" gedreht. Insgesamt kann er auf bald hundert Rollen zurückblicken. "Ich muss mal nachrechnen, damit ich das Jubiläum nicht verpasse", sagt Möhring in einem Tonfall, dass klar ist: Zahlen, Einschaltquoten sind allerhöchstens zweitrangig für ihn. Ein "Bauchmensch" sei er, der sich "die Perlen" heraussuche aus der Angebotsflut. Er hat Gewalttäter und Opfer gespielt, Kumpeljungs, Männer in der Midlife-Crisis und solche, die sich mutwillig ihrem Glück verschließen. Die Vielfalt in der Rollenwahl ist natürlich auch der Versuch, sich der Festlegung auf ein bestimmtes Image zu entziehen. Und die schon fast logische Folge aus einem Leben, das sich keiner Geradlinigkeit unterordnen mag. Möhring war Punk und danach Fallschirmjäger, hat als Model und Türsteher gearbeitet. Heute ist er Vater, lebt mit Frau und zwei kleinen Kindern in Köln.

Mehr Bauchmensch als Stratege ist auch Kommissar Falke. "Er ist einer, dem Kameradschaft und Loyalität wichtig sind, auf den man sich verlassen kann", sagt Möhring, der skandinavische Krimis mag und als Zuschauer an der Kinokasse zwischen Arthouse und Popcorn-Filmen wechselt. Er ist kein Entweder-oder-Typ, vielmehr ein Mensch, der nach einem Menü Nachschlag ordert, nach dem Motto: Einer geht noch. Wo es nach Qualität riecht im deutschen Fernsehen, ist Möhring mit dabei. Dabei ist er kein Träumer, sondern Realist. Sexy für die einen, einer der größten Schauspieler seiner Generation für die anderen. Und die "Tatort"-Anhänger dort draußen bekommen schon jetzt weiche Knie.