Senta Berger

"Das Geld ist weg, die Schande bleibt"

Natürlich verliert sie nicht die Beherrschung, keine Sekunde lang. Ihre Stimme bleibt ruhig. Einzig der Blick, die leicht hochgezogenen Augenbrauen, verraten, dass Senta Berger aufgewühlt ist. Die Schauspielerin sitzt in einem leeren Saal des Kinos "Toni" in Weißensee.

Sie will die neue Folge ihrer ZDF-Krimireihe "Unter Verdacht" bewerben, die am heutigen Sonnabend um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird. Einige Interviews hat sie bereits geführt, ähnliche Fragen beantwortet zu diesem Fall, in dem sie als Ermittlerin Eva Maria Prohacek Zeuge eines Flüchtlingsdramas vor der italienischen Küste und den menschenverachtenden Praktiken auf den dortigen Patrouillenschiffen wird. Müde aber wirkt sie nicht. Zu intensiv seien die Bilder der "Boatpeople" gewesen, zu stark bewegt hat sie ihr Schicksal. "Die Flüchtlingsfrage ist nicht nur Italiens oder Afrikas Problem", sagt sie. "Es ist unser aller Problem." Das, was sich an Bord der Schiffe abspiele, sei "unmenschlich".

Nun sind solche Aussagen nicht überraschend, eher Gemeinplätze. Doch liegt es an der Art, mit der die 70-Jährige vorträgt, dass man sie ihr abkauft - die Überzeugung, die dahintersteht. "Ich sehe es als eine unserer Aufgaben, auf gegenwärtige Probleme aufmerksam zu machen", erzählt sie weiter. "Uns", das meint die Branche, in der sie seit Jahrzehnten unangefochten zu den Größten gehört. Bereits in den 70er-Jahren nutzte die Schauspielerin ihre Prominenz, um sich abseits der Drehsets zu engagieren. Sie unterstützte 1972 Willy Brandt in seinem Wahlkampf, setzte sich für Abrüstung, Umweltschutz und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ein. Gerade wurde sie von der bayrischen SPD, neben Hans Well, für die Bundesversammlung nominiert. Nein, besonders politisch sei sie wirklich nicht, sagt Senta Berger. "Politisch interessiert sollten wir alle sein. Und wenn mich etwas stört, dann äußere ich es auch."

Das kann sie gut, hat es schon immer gekonnt. Im Film, wo sie gern Frauen verkörpert, die anecken. Nicht laut und derb, vielmehr mit einer ihr eigenen unprätentiösen Art. Erfahren genug, um nicht zu viel zu erwarten - von sich und anderen. "Die Politik kann nur die kleinen Schritte gehen, da bin ich realistisch", sagt sie. Verzweiflung allein angesichts der sich lähmenden Machtstrukturen innerhalb der Exekutive bringe nichts. "Natürlich spüre ich manchmal Wut, Zorn, Ohnmacht." Allerdings sei da der feste Glaube daran, dass sich etwas ändern wird. Trotz all der Schlagzeilen in den vergangenen Wochen, trotz eines abgetretenen Bundespräsidenten, der sich irgendwo zwischen Geld und Glamour verlor. Ob Joachim Gauck, jener Kandidat, dem sie vermutlich am 18. März ihre Stimme schenken wird, das ramponierte Image der politischen Elite aufpolieren kann? Senta Berger lächelt. "Nicht jeder Mensch ist 'käuflich'. Man muss sich genau überlegen: Das Geld ist irgendwann weg, aber die Schande bleibt." Das ist in der Politik so - und in ihrem Beruf.

Sie selbst hat sich im Laufe ihrer Karriere nicht von hohen Gagen blenden lassen. 1962 ging sie nach Hollywood, drehte unter anderem mit Größen wie Kirk Douglas und Dean Martin. Es erfüllte sie nicht. "In den USA fühlte ich mich zunehmend als Europäerin. Diese radikale Äußerlichkeit, die ich dort erfuhr, wirkte befremdlich." Deshalb kehrte sie nach wenigen Jahren zurück nach Deutschland, nach München, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann Michael Verhoeven, mit dem sie seit 45 Jahren verheiratet ist, ihren Lebensmittelpunkt hat. Geschadet hat ihr dieser Rückzug von der vermeintlichen Traumfabrik nicht, im Gegenteil. In rund 150 Kino- und Fernsehfilmen war sie bereits zu sehen. Legendäre Rollen wie die der Mona in "Kir Royal" waren darunter. Da fällt es leichter, auf manches Drehbuch zu verzichten. Sicherlich: "Geld ist nicht schlecht. Ich bin genügend materialistisch, um genießen zu können, dass ich gut leben kann." Da ist er also wieder, dieser eigene Realismus der Senta Berger, charmant mit einem Lächeln verpackt. "Jeden Tag denke ich, wie glücklich ich bin", sagt sie noch zum Abschluss. Gut, das klinge vielleicht etwas sehr pathetisch. Zumindest bemühe sie sich darum, dankbar und zufrieden zu sein. "Und wenn ich es einmal vergessen sollte, gehört mir eine Ohrfeige verpasst." Nur zur Beherrschung.