Interview: Danzel Washington

Bibelfester Bösewicht

Fast pünktlich betritt er den Raum im Hotel Adlon. Komplett in Schwarz gekleidet, schlichtes T-Shirt zu glänzenden Lackturnschuhen. Denzel Washington lacht zur Begrüßung, es ist dieses für ihn charakteristische Lächeln.

Warm, nicht aufgesetzt, und doch professionell wirkt es - so wie der gesamte Auftritt des 57-Jährigen. Der Hollywoodstar blickt kurz aus dem Fenster auf das Brandenburger Tor, ehe er sich zum Interview setzt.

Nicht nur für die "Goldene Kamera", die er am Sonnabend bei der glamourösen Gala im Axel-Springer-Haus in Empfang nehmen kann, ist er nach Berlin gekommen, auch sein neuer Film "Safe House" (startet am 23. Februar) soll hier beworben werden. Der US-Amerikaner spielt darin einen ehemaligen CIA-Agenten, der die Seiten gewechselt hat und sein Geld mit dem Verkauf brisanter Daten verdient. Ryan Reynolds übernimmt den Part des aufstrebenden Geheimagenten, der auf den erfahrenen Abtrünnigen angesetzt wird. Verrat, Korruption und Lügen dominieren den temporeichen Streifen, den Washington selbst nicht als "Actionfilm" bezeichnen will. Für ihn, sagt er im Gespräch, sei es eher ein "Drama" - in dem der zweifache Oscar-Preisträger einmal mehr auf der vermeintlich anderen Seite des Gesetzes steht. Diese Rollen reizen ihn, mehr noch als die klassische Heldenfigur, die er anfangs bevorzugt verkörperte. In "Malcom X" oder "Ausnahmezustand" etwa. Privat dagegen festigt er seit Jahrzehnten seinen guten Ruf, ist seit 1983 mit seiner Frau Paulette verheiratet - skandalfrei. Vier Kinder hat das Paar. Die großen Filmpartys, der rote Teppich, das ist nicht seine Welt. Er überzeugt lieber da, wo es darauf ankommt: im Film.

Berliner Morgenpost: Herr Washington, sind Sie ein guter Lügner?

Denzel Washington: Ich versuche, es nicht zu sein. Lügen kann ich nicht ausstehen.

Berliner Morgenpost: Nicht einmal früher, in der Kindheit?

Denzel Washington: Natürlich. Wer hat da nicht mal gelogen, wenn die Mutter fragte: Und, Junge, warst du heute Nacht pünktlich zu Hause?

Berliner Morgenpost: In Ihrem neuen Film geht es viel um Verrat und Vertrauen. Wem vertrauen Sie?

Denzel Washington: Sicherlich vertraue ich manchen Menschen, alles andere wäre doch fürchterlich. Meiner Familie, Freunden. Ansonsten muss ich niemandem vertrauen. Ihnen beispielsweise. Sie können hier sitzen und nett lächeln - und morgen lese ich dann: "Denzel Washington ist ein mieser Typ".

Berliner Morgenpost: Das würde wohl kaum jemand schreiben.

Denzel Washington: Und ich würde es ohnehin nicht lesen können. (lacht) Kritiken interessieren mich aber auch nicht sonderlich.

Berliner Morgenpost: Es ist manchmal schwierig auszumachen, ob Sie im Film nun einen guten oder schlechten Menschen spielen. Sind Menschen überhaupt in "nur gut" und "nur schlecht" zu kategorisieren?

Denzel Washington: Nun ja, Menschen urteilen bekanntlich sehr schnell über andere. Du musst jemanden lange kennen, um dir ein Urteil zu bilden. Aber ich denke auch nicht, dass ich einen guten Menschen verkörpere. Ich bringe schließlich Menschen um.

Berliner Morgenpost: Und helfen letztlich ihrem anfänglichen Gegenspieler zu überleben.

Denzel Washington: Ja, ein bisschen etwas passiert mit meiner Figur. Letztlich bleibt Tobin Frost jedoch ein Soziopath. Er manipuliert alle.

Berliner Morgenpost: Sind Sie gut darin?

Denzel Washington: Nein, ich übe es nicht, wenn Sie das meinen. (lacht) Allerdings habe ich viel zum Thema gelesen, ein Buch, "The Psychopath Next Door", war meine Vorbereitung. Teilweise erschreckend, was ich da so erfahren habe. Es gibt offenbar wesentlich mehr Soziopathen, als man glaubt.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie am Drehbuch gereizt?

Ich war anfangs wirklich skeptisch. Erst als ich den Regisseur Daniel Esping kennenlernte, habe ich mich dafür entschieden. Trotzdem arbeiteten wir noch sechs Monate an dem Skript.

Berliner Morgenpost: Stimmt es eigentlich, dass Sie von Ihrem Sohn ein Urteil über Drehbücher einholen?

Ein Mal habe ich das gemacht. Ehrlich gesagt - ich wollte nur, dass er mehr liest. John David hat damals "Training Day" und "Dragonfly" in die Hand bekommen. Er meinte, ich solle unbedingt "Training Day" zusagen. So hätten mich die Leute noch nie gesehen.

Berliner Morgenpost: Und - es hat sich gelohnt. Immerhin gab es einen Oscar dafür.

Oh ja. Ich kann ihm dankbar sein. Kevin Costner hat dann wohl meinen Part in "Dragonfly" übernommen.

Berliner Morgenpost: Ihr Sohn hat bei Football-Teams in Hamburg und Düsseldorf gespielt. Haben Sie ihn mal besuchen können?

Denzel Washington: Leider nicht, er war nur 2007 in Deutschland und ich musste damals drehen. Jetzt spielt er wieder in den USA.

Berliner Morgenpost: Haben Sie denn jedenfalls jetzt etwas mehr Zeit für Berlin?

Denzel Washington: Nein, auch hier wird die Arbeit im Vordergrund stehen. Viele Interviews...

Berliner Morgenpost: ... und am Sonnabend dann die Verleihung der "Goldenen Kamera"...

Denzel Washington: Ja, ich freue mich darauf. Es soll ein beliebter Preis sein, bei dem auch das Publikum abstimmen darf. Und wenn sie mich hier mögen - was will man mehr. (lacht)

Berliner Morgenpost: Haben Sie Ihre Bibel mit auf dem Hotelzimmer? Sie sollen täglich darin lesen.

Denzel Washington: Ja, sie ist oben. Täglich ist etwas übertrieben, ich versuche es zumindest.

Berliner Morgenpost: Wie oft haben Sie sie bereits gelesen?

Denzel Washington: Ich glaube, wenn ich mit dem Neuen Testament durch bin, ist es mein drittes Mal.

Berliner Morgenpost: Wird es besser?

Denzel Washington: In gewisser Weise schon. Ich verstehe manche Dinge jetzt, die ich früher nicht kapiert habe. Das macht die Lebenserfahrung. Ja, es wird immer besser.