Walter Sittler

"Rock'n'Roll sollen Jüngere tanzen"

Walter Sittler mischt sich gerne ein. Wie seine Filmkollegen Hannes Jaenicke oder Sky Du Mont engagiert er sich seit Jahren in politischen Belangen. Dafür wird der aus TV-Serien wie "Nikola" und "Der Kommissar und das Meer" bekannte Schauspieler nicht nur bewundert, sondern auch belächelt und angefeindet.

So auch im vergangenen Jahr, als sich der Darsteller gegen das Bahntunnelprojekt "Stuttgart 21" stark machte. "Es hat mich richtig geschüttelt. Ich wurde als 'menschlicher Abschaum' bezeichnet. Absender: anonym. So etwas passiert aus politisch taktischen Gründen. Mittlerweile trifft es mich nicht mehr."

Haltung zeigen und seinen eigenen Standpunkt haben, das ist es, was Sittler auch bei der Erziehung seiner drei Kinder Jennifer (26), Benedikt (24) und Lea-Marie (22) wichtig war: "Sie sollen die Dinge unvoreingenommen betrachten. Es war meiner Frau und mir immer wichtig, dass wir uns in der Familie vertrauen können. Die Kinder sollten uns immer ohne Angst alles erzählen können", erklärt der in Chicago geborene Darsteller.

Ums Erwachsenwerden geht es auch im wieder aufgeführten Stück "Vom Kleinmaleins des Seins" (19.-21. Januar im Admiralspalast), in dem Sittler vom Leben Erich Kästners erzählt. Die Schwierigkeit am Menschsein, wie Kästner es mit dem Ausspruch "Nur wer erwachsen wird, und ein Kind bleibt, ist ein Mensch" meinte, sieht Sittler in Deutschland vor allem im "hierarchischen System. Nur der Schnellste, Reichste und Größte kommt weiter. Kinder sind einer Welt mit wahnsinnig glitzernder Oberfläche ausgesetzt", sagt er. Vor allem die an sie gestellten hohen Anforderungen hält er für falsch: "Kindern und Jugendlichen wird die Zeit geklaut. Sie werden bombardiert mit Anforderungen. Im Kindergarten geht es schon los. Am besten sie lernen schon dann Chinesisch. Das ist alles Blödsinn."

Dieses Jahr wird Walter Sittler 60 Jahre alt. Jünger möchte er nicht mehr sein. Er fühlt sich gut, auch, wenn er nicht mehr so beweglich sei wie früher. "Tango kann man aber immer noch tanzen, wenn ich Tango tanzen könnte. Rock'n'Roll sollen die Jüngeren tanzen." Dafür habe er mit dem Alter viele interessante Rollenangebote bekommen. Ein Privileg, das nicht jeder hat: "In der Fernsehbranche haben es Frauen im Alter schwierig. Bei ihnen gibt es das unsichtbare Alter. Ab 40 verschwinden die meisten vom Bildschirm, weil sie angeblich nicht mehr schön genug sind. Es ist immer noch eine sehr männerdominierte Branche."