Interview mit Armin Mueller-Stahl

"Freundschaft geht über den Tod hinaus"

| Lesedauer: 6 Minuten

Armin Mueller-Stahl ist in der Welt und an der Ostsee zu Hause. Er malt, musiziert und feiert seit vielen Jahren als Schauspieler internationale Erfolge. Ein Film kam nicht ins deutsche Kino. Im gerade auf Leih-DVD erschienenen "Die Farben des Herbstes" (2006) spielt der 81-Jährige einen russischen Maler, der sich lieber dem Wodka als der Malerei widmet.

Das Gespräch führte Ines Nurkovic.

Berliner Morgenpost: Herr Mueller-Stahl, gab es bei Ihnen schon eine Zeit, in der Ihnen die Muße zur Kunst gefehlt hat?

Armin Mueller-Stahl: Nein, solche Zeiten gibt es bei mir nicht. Gut, es gibt Tage an denen man müde ist. Da geht man lieber ins Bett.

Berliner Morgenpost: Was ist für Sie der größte Feind von Kunst und Kreativität?

Armin Mueller-Stahl: Die Verlogenheit, die man immer wieder erleben muss. Und die Fragilität des menschlichen Körpers. Wenn man nur daran denkt, was wir alles machen müssen, um zu überleben: Dreimal essen, schlafen, uns warm anziehen im Winter, leicht kleiden im Sommer, wir dürfen uns nicht anhusten lassen, aufpassen, dass das Hühnerfleisch keine Bakterien hat, wie jetzt gerade. All diese Dinge, auf die wir achten müssen, auch, dass wir friedlich mit unserem Partner auskommen, sonst gehen wir vor die Hunde. Ich will damit sagen, dass diese ganzen Fragilitäten des Körpers der Kreativität auch manchmal im Wege sind.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet Kunst für Sie?

Armin Mueller-Stahl: Wenn ich in meinem Atelier hier unten male, dann ist es der einzige Augenblick in dem ich fliege. Kunst ist das Verbindende. Kunst hat für mich immer etwas zu tun mit Brücken bauen. Für mich, der zwei Systeme überleben durfte und das dritte, das heutige, auch. Noch habe ich es nicht überlebt und ich hoffe, dass es noch lange so bleibt, wie es ist. Das ist auch immer die Aufgabe von Kunst: Kriege und Ungerechtigkeiten zu vermeiden und auf bestimmte Dinge in der Welt aufmerksam zu machen. Malerei und Musik kann Grenzen überschreiten. Die Sprache macht Halt. Die Musik macht nicht Halt, sie geht weiter bis Wladiwostok und dann nach Amerika. Und ich weiß, dass die Kunst nur ein schwacher Ehepartner der Politik ist. Kunst und Politik haben immer eine Art Ehe geführt. Manchmal eine gelungene.

Berliner Morgenpost: Im Film schafft die Kunst eine tiefe Verbindung zwischen zwei ungleichen Menschen. Was muss man mitbringen, um Ihr Freund zu werden?

Armin Mueller-Stahl: Da muss man gar nichts mitbringen. Es muss einfach funken. Das ist eine Sympathie, die da ist oder nicht da ist. Es gibt Menschen, denen geht man a priori aus dem Wege, weil man merkt, dass es nicht funktionieren wird. Und auf andere geht man geradeaus zu und sagt: Ja, das geht gut. Das ist schwer zu erklären, wie es funktioniert, aber entweder es ist da oder es ist nicht da. Manchmal geht man auf der Straße an einem Menschen vorbei und in einem Bruchteil einer Sekunde signalisiert ihnen der Blick, den sie bekommen haben, ob ihr Gegenüber ihnen sympathisch oder unsympathisch ist.

Berliner Morgenpost: Unerklärlich wie die Liebe?

Armin Mueller-Stahl: Die Liebe hat noch eine andere Bedeutung. Die Liebe ist etwas, das wächst und das kommen und gehen kann. Die Liebe beschränkt sich nicht auf das Äußere. Der erste Blick schon, aber auch darin kann schon Liebe enthalten sein.

Berliner Morgenpost: Die Liebe kann gehen, halten Freundschaften bei Ihnen ewig?

Armin Mueller-Stahl: In meinem Alter sind viele meiner Freunde nicht mehr da und sie sind trotzdem noch meine Freunde. Sie sehen, Freundschaft geht über den Tod hinaus. Bilder von ihnen habe ich im Kopf. Ich hatte gerade das Glück, Ehrenbürger meines Geburtsorts Tilsit (ehemals Ostpreußen, heute: Sowetsk/Russland, d.Red.) zu werden. Ich bin hingefahren und habe gewissermaßen etwas verzweifelt nach den Schritten meiner liebsten Menschen gesucht, die ich dort hatte, bevor wir nach Prenzlau übergesiedelt sind als ich noch sehr jung war. Ich suchte die Schritte meines Großvaters, meiner Großmutter, meines Vaters. Ich wollte herausfinden, wo ich die noch sehen könnte. Wo öffnet sich die Türe, wo sind sie noch? Sie sind nicht mehr da, aber die Bilder sind noch da.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie sich für die Zukunft noch vorgenommen?

Armin Mueller-Stahl: Sicherlich gibt es noch einiges und ich bin dabei. Ich schließe nicht aus, dass ich noch eine Rolle annehmen werde. Ich habe ein Drehbuch geschrieben, das ich gern selbst inszeniert hätte und auch gespielt hätte. Mit dem Geld klappte es aber nicht. Ich hatte sogar schon die Besetzung. Ich kann gut inszenieren und mit Schauspielern umgehen, weil ich weiß, wie sie funktionieren. Das würde ich vielleicht noch gern machen, aber ich bin auch so zufrieden. Vieles in meinem Leben ist vielleicht anders gelaufen, als ich es anfangs gehofft oder gedacht hatte, aber ich kann auf ein Leben zurückblicken, das eigentlich noch ganz gut war.

Berliner Morgenpost: Was ist anders gelaufen, als Sie es sich erhofft haben?

Armin Mueller-Stahl: Als ich Musik studierte, hatte ich gedacht, ich werde Komponist und Dirigent. Ich wäre dann nicht mehr an die Sprache gebunden, sondern grenzüberschreitend. Und ich dachte, ich werde Maler. Und die Schauspielerei wäre nur eine Wiedergutmachung für meinen Vater, der 1945 von den Deutschen erschossen wurde. Ich kann das nicht belegen, aber meine Fantasie lässt keine andere Möglichkeit zu, weil er am 1. Mai gestorben ist. Nur ein paar Tage vor der Kapitulation der Deutschen, als der Krieg eigentlich schon vorbei war. Er wollte zu seiner Familie und Schauspieler werden. Da dachte ich, dass ich die Verpflichtung habe, ihm zu Liebe wenigstens für zwei Jahre reinzuriechen. Ich fühlte mich nach dem Krieg kräftig genug, alle Künste auszuprobieren. Alles wollte ich werden und ich glaubte, ich könnte auch alles werden. Durch die vielen Stationswechsel in meinem Leben, ich bin ja immer westwärts gerückt, kriegte ich aber durch die Schauspielerei am schnellsten die Brötchen auf den Tisch.