Natalia Wörner

"Vielleicht mache ich nicht alles perfekt"

Natalia Wörner war außer sich an jenem Abend. Erst war FDP-Generalsekretär Christian Lindner überraschend zurückgetreten, dann wollte seine Parteikollegin Silvana Koch-Mehrin ihren Doktortitel zurückklagen.

Eigentlich nichts, was eine gewöhnliche Schauspielerin in Rage bringen könnte, denkt man. Doch Natalia Wörner ist nicht gewöhnlich. "Ich vermute, da geht Lindner jetzt, weil er irgendwann wiederkommen möchte und sich nicht beschmutzen will. Ich verstehe das strategisch, aber der Glaube an Politiker wird dadurch verschwindend gering", sagt sie. Wut schwingt in ihrer Stimme mit.

In ihrem neuen Fernsehfilm "Das Kindermädchen" (zu sehen am Montag im ZDF) spielt die 44-Jährige just eine Politikerin. Als Vorbild für ihre Rolle der Sigrun Zernikow hat sie die FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin ausgewählt. Genauso wie die Europa-Politikerin sich mit Baby-Bauch ablichten ließ, verkauft auch die Filmfigur ihr Privatleben an die Medien. Außerdem wurde ihr genauso wie Karl-Theodor zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt. "Über zu Guttenberg muss man gar nicht reden. Erst hat er sich in die Öffentlichkeit gedrängt und sich bis heute noch nicht für sein Plagiat entschuldigt. Welcher Werteverfall über die Beurteilung von Missetaten."

In dem ZDF-Film geht es ebenfalls um Missetaten und deren (falsche) Beurteilung. Der Verlobte von Sigrun Zernikow, der Jurist Joachim Vernau (gespielt von Jan Josef Liefers) , entdeckt bei der Familie seiner Zukünftigen eine große alte Schuld. Es geht um Nationalsozialismus, Zwangsarbeit und darum, welche Haltung man dazu einnimmt.

Die Wahlberlinerin Wörner kommt kaum dazu über den Film zu sprechen. Anstatt dessen kreisen ihre Gedanken um das große Wort "Haltung", das in der heutigen politischen Welt so klein scheint. "Ich frage mich, mit welchem inneren Selbstzweck man heute Politiker wird? Es ist ja schlimmer als ein Schauspieler, der sich Rollen aussucht. Man kommt, man geht, man bescheißt, man lügt, man hat null Haltung", sagt sie. Enttäuscht denkt sie heute über ihr Engagement für Bundeskanzler Gerhard Schröder bei dessen "letzter Runde" nach. "Ich habe ihn indirekt unterstützt und bereue das, denn ich finde bitter, wie er sich verabschiedet und sich dem "Demokraten" Putin zugewendet hat." Trotzdem geht sie wählen. "Aber keine Personen mehr, sondern nur Inhalte in der Tradition der Grünen oder der SPD", erklärt sie.

Selbst in die Politik zu wechseln, kommt für sie aber nicht in Frage. "Ich mache viel mit der Kindernothilfe in Afrika. Dort kann man wirklich sinnvoll eingreifen und Dinge positiv verändern." Verändert hat sie die karitative Arbeit auch als Person. "Das relativiert vieles!" Für ihren fünfjährigen Sohn Jacob-Lee dreht sie Handy-Filme in den Slums, um ihm die dramatische Situation kindgerecht zu erklären. Vor allem aber will sie ihm damit Haltung vermitteln. "Ich bin nicht sehr streng in meiner Erziehung, aber in bestimmten Dingen sehr konsequent. Ich will ihm mitgeben, dass man für etwas steht."

Wobei ihre Haltung mit zunehmendem Alter radikaler wird. "Ich bemühe mich, jetzt Entscheidungen zu treffen, die im Sinn der nächsten Generation richtig sind", sagt Wörner. Gerade hat sie ein altes Gut in Brandenburg gekauft, das sie nachhaltig renoviert. Ein Öko-Paradies mit eigenem Stromsystem und Quelle, wo sie nachhaltig und vor allem auch autonom leben kann, soll entstehen. "Ich beschäftige mich gerade mit Biokläranlage, Fäkalientanks und Heizungssystemen, die Strom generieren", erzählt sie begeistert. "Ich mache vielleicht nicht alles perfekt, doch ich überlege mir genau, was ich tue - und stehe dann dazu."