Germany's Next Topmodel

Neues deutsches Fräulein-Wunder

Das Leben lässt sich nicht kalkulieren. Nicht in Formeln pressen, deren Ergebnisse errechenbar sind. Zu häufig sind es die Zufälle, die über die Zukunft entscheiden. Vanessa Hegelmaier hat diese Erfahrung in den vergangenen drei Jahren machen müssen. Glücklicherweise, wie sie sagt.

Die 24-Jährige ist Mathematikstudentin. Ihr Geld aber verdient sie als Model - und als solches ist sie viel beschäftigt. Sie läuft in Mailand, Paris, New York, präsentiert Entwürfe von Louis Vuitton über Dolce & Gabbana bis hin zu Missoni. Sie posiert auf den Titeln der britischen "Vogue", in Magazinen wie "W" oder "Harper's Bazaar". In Hamburg steht sie bei der Agentur Place Models unter Vertrag, in der Kartei der renommierten New Yorker Agentur IMG Models findet sich ihr Name neben Größen wie Gisele Bündchen , Karolína Kurková - und Heidi Klum. Die beiden deutschen Models sind sich bereits begegnet, 2008 war das. Damals hatten Freundinnen von Vanessa Hegelmaier ihre Bewerbung an die Castingshow "Germany's Next Topmodel" geschickt. Nur so zum Spaß. Ernsthaft begeistert ist die Jury um Heidi Klum. Von ihrem klaren Gesicht, der natürlichen, unprätentiösen Art. So kämpft sie mit um den TV-Titel, entdeckt Gefallen an einem Job, der weit entfernt von ihrem Alltag in Bielefeld scheint. Wo sie Mathematik und Pädagogik studiert, in einer WG lebt. Trotzdem scheidet sie nach wenigen Folgen freiwillig aus der Sendung aus, möchte kein Foto mehr aus der Hand ihrer Mentorin haben. Sie will es ohne sie schaffen. "Ich denke, dass beides richtig war - mein Teilnehmen sowie meine Entscheidung, frühzeitig auszuscheiden", sagt sie. "Sicherlich wäre es sonst schwer geworden, mit dem Modeln anzufangen."

Den "Stempel" hätte sie aufgedrückt bekommen, wie sie es nennt. Wäre "Das Mädchen von ,Topmodel'" gewesen. "Das betrachte ich nicht unbedingt als sehr positiv." Allerdings: Ohne Heidi Klum wäre sie nicht da, wo sie jetzt ist. Auf dem Laufsteg, im Studio. In New York. Hier lebt sie derzeit, temporär meist, muss sie doch für ihren Beruf ständig reisen. Nur wenig hat ihr Leben noch mit dem zu tun, wie es vor vier Jahren war. Statt Uni-Bibliothek und Mensa sind es Castings, Schauen und Shootings, die sie beschäftigen. Harte Arbeit, sicherlich. Mit viel Kritik und Ablehnung. "Mittlerweile", sagt Vanessa Hegelmaier, "fällt es mir nicht mehr schwer, es gehört eben zum Alltag dazu." Am Anfang sei das anders gewesen, da habe sie lernen müssen, dass es ihre Optik ist, die nicht passt. Und nicht ihr Charakter. "Gerade bei der Fashion Week ist es oft sehr stressig. Da kommt man an seine Grenzen."

In solchen Momenten fehlen ihr dann Freunde und Familie. Das "alte Leben", fernab von der kurzweiligen Modebranche. Besonders ihre Eltern unterstützen ihre Tochter - und warnen sie vor diesem Business, das nicht für die Ewigkeit ist. So schnell sie die Laufstege erobert hat, so rasant kann der Fall sein. Nicht nur deshalb hat sie ihren Bachelor abgeschlossen, absolviert zudem ein weiteres Fernstudium in Wirtschaftsmathematik. Vanessa Hegelmaier ist klug genug, sich vom schnellen Ruhm und oberflächlichen Glanz der Modewelt nicht blenden zu lassen. Sie spielt das Spiel mit, definiert sich jedoch nicht darüber. "Man lernt Menschen kennen", antwortet sie auf die Frage, was genau sie an ihrem Job fasziniert.

Bescheiden, höflich, zuverlässig - die unvermeidlichen deutschen Sekundärtugenden sind es wohl, die nicht nur Vanessa Hegelmaier helfen, sich gegen internationale Konkurrenz zu behaupten. Gerade weil sie mit ihrem braunen Haar, ihren grau-grünen Augen nicht in das Schema blond und blauäugig fällt, das derzeit so gefragt ist. Ein Trend, von dem neben den Skandinavierinnen und Holländerinnen vor allem deutsche Models profitieren. Namen wie Toni Garrn , Katrin Thormann und Karolin Wolter (siehe Kästen unten) stehen stellvertretend dafür. Einigen von ihnen wird Vanessa Hegelmaier bei den bevorstehenden Modewochen im Januar wieder begegnen. Sie ist gut gebucht. "Ich nehme mit, was kommt", sagt sie. Und das ist einiges.