Liv Lisa Fries

Sie hat es verdient

Der süßliche Geruch von frisch gemachtem Popcorn empfängt sie. Zahlreiche Plakate an den Wänden bewerben Komödien, Dramen, Dokumentationen. Die Tür zum Filmsaal ist geschlossen, es läuft gerade eine Vorstellung.

Liv Lisa Fries blickt sich noch kurz um, ehe sie in dem angrenzenden Café des Pankower Kinos "Blauer Stern" auf einem der Holzstühle Platz nimmt. Die 21-Jährige kennt diesen Ort sehr gut. Häufig war sie in der Vergangenheit hier, meist mit ihrem Vater. Hat gemeinsam mit ihm zahlreiche Streifen gesehen, nach und nach Gefallen an der Filmwelt gefunden. Und manchen Darsteller für sein Können bewundert.

Heute ist sie es, die das Publikum fesselt, die Produzenten und Regisseure von sich überzeugt. In dem ARD-Fernsehdrama "Sie hat es verdient" spielte sie in diesem Jahr an der Seite von Veronica Ferres eine 17-jährige Schülerin, die ihre Klassenkameradin zu Tode foltert. Dafür erhielt Liv Lisa Fries im Sommer den renommierten "Studio Hamburg Nachwuchspreis", wenige Wochen später dann den "Audi Next Generation Award".

Natürlich, diese Anerkennung sei schön, sagt sie. In gewisser Weise schmeichelhaft. "Aber das ist nicht der Grund, warum ich spiele." Nicht für die Auftritte auf dem roten Teppich, nicht für die Prominenz, die notwendigen Begleiterscheinungen ihres Berufes, wie sie es nennt.

Solche Sätze einer Nachwuchsschauspielerin können schnell aufgesetzt wirken. Als ob sie sorgfältig einstudiert seien - schließlich macht sich Bescheidenheit so gut. Bei Liv Lisa Fries jedoch klingen sie authentisch. Weil sie nicht viel überlegt, bevor sie redet. Und das Gesprochene dabei ungewöhnlich reflektiert zu sein scheint. Mit 13 Jahren wusste sie bereits, dass sie Schauspielerin werden will. "Ich wusste nur nicht, dass es tatsächlich geht", sagt sie. Durch einen Freund habe sie von einem Casting in Berlin erfahren. Sie sei hingegangen - und habe sofort die Flucht ergriffen. "Ich schloss mich auf der Toilette ein, bis mich ein Lehrer heraus geklopft hat", sagt Liv Lisa Fries. Es sollte sich lohnen. Nur wenig später hatte sie ihr erstes Engagement, eine Szene in Oskar Roehlers "Elementarteilchen".

Obwohl sie aus diesem Film letztlich wieder heraus geschnitten wurde, blieb zumindest das Gefühl, eine Berufung gefunden zu haben. Zwei Jahre später spielte sie neben Götz George die Hauptrolle in einem seiner "Schimanskis". Sie teilte ihr Leben auf, bewegte sich zwischen Schulbüchern und Drehplänen, Abitur am Ossietzky-Gymnasium und Filmset in Babelsberg. Sie dreht Fernsehfilme wie "Bella Block". Seit Anfang Dezember ist sie in der Kinokomödie "Romeos" zu sehen. Die Kritiker schätzen sie, besonders für ihre nahezu zerstörerische Darstellung der Linda in "Sie hat es verdient". Liv Lisa Fries weiß das. Hat es zuletzt oft genug gehört. Doch bleibt sie skeptisch, sich selbst gegenüber. Zuviel Lob, das verliere schnell an Gewicht. "Ich bin sehr kritisch und mache mir oft zu viel Druck", sagt sie.

Wenn sie alte Filme sehe etwa, bemerke sie sofort, was hätte besser sein können. "Manchmal vergesse ich darüber, dass es mir Spaß bringt, was ich mache." Und den hat sie, zweifellos. Auch wenn es häufig die extremen, die schwierigen Rollen sind, die sie reizen. "Ich finde es spannend, Abgründe zu zeigen", sagt sie. Figuren, die weit von ihr, der jungen Frau aus Pankow, entfernt sind. Die mit zwei Freunden in einer WG lebt, ihren Bezirk nicht verlassen will, weil sie sich dort so wohl fühle. Und die plötzlich bekannt ist? Liv Lisa Fries lächelt. "Mich erkennt keine Sau." Klar, dieser Job "macht etwas mit einem. Alles andere ist Lüge". Angst vor der Zukunft, dass es irgendwann nicht mehr so laufen könnte, habe sie momentan nicht. Respekt vor ihrem Beruf schon. Vielleicht deshalb, weil sie nie eine Ausbildung absolviert hat. "Ich wage es auch jetzt erst, langsam zu sagen: 'Ich bin Schauspielerin'." Schließlich habe man eine Verantwortung - dem hier gegenüber, erzählt Liv Lisa Fries und nickt in Richtung des Kinosaals, aus dem nun die Zuschauer hinaus strömen. Diese Vorstellung ist beendet. Ihre eigene noch lange nicht.