Florian Gallenberger

Mit Kamillentee zum Filmpreis

Wieder hat er sich die Nacht um die Ohren geschlagen. In seiner kleinen Schreibwohnung beim Café "Nest" um die Ecke, am Görlitzer Park, wo Filmregisseur Florian Gallenberger am Freitagmorgen noch schnell einen Kamillentee trinkt, bevor er zu einer Produktionsbesprechung nach Hamburg fährt, stellte er ein neues Drehbuch über die Geschichte von Judas fertig.

Sein vierfach mit dem Deutschen Filmpreis "Lola" ausgezeichnetes Kriegsepos "John Rabe - Der gute Deutsche von Nanking" (2009) mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle "war das Erste, was hier in Kreuzberg entstanden ist. Ich liebe diese Wohnung". Nur an der Kinokasse wollte es damals nicht klappen. Vielleicht, weil "der Film am 2. April gestartet ist. Das war der sonnigste und wärmste April, den es in Deutschland seit der Wetteraufzeichnung gegeben hat. Man machte morgens den Vorhang auf und sah einen strahlend blauen Himmel. Ich dachte, ich werde wahnsinnig. Ich kann es niemandem übel nehmen. Ich hätte auch keine Lust gehabt, ins Kino zu gehen", erklärt sich Florian Gallenberger, der 2001 für seinen Kurzfilm "Gestohlene Träume - Quiero ser" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, den Rückschlag. Bereichert hat er ihn dennoch: "Ich mag gern Abenteuer, Erfahrungen jenseits dessen, was man normalerweise erlebt. Und jeder meiner Filme hat mir ein Stück dieser Welt geschenkt, auf eine Art, die einmalig ist", sagt der Wahl-Berliner, dessen diesjähriges Filmprojekt über Frank Farians berühmt und berüchtigtes Playback-Duo Milli Vanilli kürzlich abgesagt wurde: "Die 13-jährige Nichte eines Sony-Studio-Mitarbeiters kannte Milli Vanilli nicht. Bei den jungen Leuten hätte man kein Zielpublikum. Da kam das schnelle, sehr Hollywood-typische Aus", erzählt er.

Viel Zeit für Verletzlichkeiten hat Gallenberger aber nicht. Lieber konzentriert er sich auf neue Herausforderungen, wie die Vorbereitungen für den Deutschen Filmpreis 2012, für den er zum dritten Mal in Folge die künstlerische Leitung übernehmen wird. Außerdem steckt der gebürtige Bayer mitten in seinem nächsten Projekt, einem Thriller über die auslandsdeutsche Sekte "Colonia Dignidad" in Chile, "eine der spannendsten und seltsamsten Geschichten, die je passiert sind". Am liebsten hätte er dafür Daniel Brühl in der Hauptrolle.

Am Montagabend wird Florian Gallenberger vor dem Fernseher in seiner eigentlichen Wohnung im Bötzowviertel sitzen. Dann nämlich zeigt das ZDF seinen Film "John Rabe" in zwei Teilen. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird er nicht der einzige Zuschauer sein. Das verspricht zumindest die Wettervorhersage: elf Grad, wolkig.