Tim Raue

"Ich dachte, mein Restaurant sei abgebrannt"

Es ist ein kurzer Schreckmoment für den gebürtigen Kreuzberger Tim Raue, als er am Sonnabend sein Handy anschaltet: "Ich hatte fast einhundert Anrufe in Abwesenheit und SMS bekommen." Er befindet sich auf der Rückreise von Hongkong, wo er für einige Tage für Vorsitzende einer Koch-Jury Essen zubereitete, als ihm während eines Zwischenstopps in London Böses schwant: "Ich dachte, mein Restaurant sei abgebrannt. Ich denke immer zuerst an das Schlimmste."

Als er seine Frau und Geschäftsführerin des gemeinsamen Kreuzberger Restaurants "Tim Raue" Marie-Anne (36) zurückruft, stellt sich schnell heraus, dass seine Bedenken unbegründet waren. Es gab nämlich Grund zur Freude: Der 37 Jahre alte Sterne-Koch wurde von der Gourmet-Zeitschrift "Der Feinschmecker" zum "Koch des Jahres" gekürt. Die Anrufe und Kurzmeldungen: Glückwünsche und Interviewanfragen. "Es war etwas überfallartig. Wenn man solch eine Auszeichnung bekommt, wird man im Normalfall im Vorfeld gewarnt." Bereits 2008 hat Raue einen Michelin Stern und 18 Punkte vom einflussreichen Restaurantführer "Gault Millau" erhalten. Mit der neuen Auszeichnung "haben wir ganz deutlich gezeigt, dass wir uns gesteigert haben. Es gab ja genügend Unkenrufe nach meinem Abgang im Adlon, weil es vor allem hieß, dass wir wirtschaftlich nicht auf gesunden Beinen gestanden hätten, was einfach nicht der Wahrheit entsprach. Jetzt haben wir gezeigt, dass wir nicht nur wirtschaftlich gut dastehen nach einem Jahr, sondern, dass wir es geschafft haben noch eine Schippe drauf zu legen. Das macht uns sehr stolz und glücklich." Nur eins hat Raue auf dem Herzen: "Es ist eine Auszeichnung, die auf mich fokussiert ist, aber das entspricht nicht der Realität. Es war das ganze Team. Die haben alle einen ganz tollen Job gemacht." Viel Zeit, um die Ehrung zu feiern, hatte er noch nicht. Am Sonnabend stand er schon wieder in seinem Restaurant. Es war "business as usual": "Meine Jungs sind wieder am Ackern", sagt er. "Ich bin aber gleich wieder auf dem Weg zum Flughafen. Wir fahren in den Urlaub. Wahrscheinlich werden wir erst dort dazu kommen, ein Gläschen Champagner zu trinken." Eine Woche - für ihn eine lange Zeit - will er mit seiner Frau "abschalten". Mehr ist nicht drin: "Auch wenn das ein mieser Sommer ist, war es geschäftlich eine sehr schöne Zeit für uns." Und nach dem Ausruhen fängt die neue Saison an. Mit einem Jubiläum: Am 3. September gibt es Tim Raues Restaurant ein Jahr. Feiern will er das nicht, denn "wir haben jeden Tag hervorragend zu arbeiten. Wir können uns freuen, wenn zehn erfolgreiche Jahre geschafft sind. Nach einem Jahr ist noch nichts erreicht." Für die Zukunft wünscht er sich, "dass ich mit solchen Auszeichnungen selbstbewusster und souveräner mit meinem Tagesgeschäft umgehe." Mehr nicht, denn "seit einem Jahr bin ich ein rundum glücklicher Mensch."