Till Brönner

"Ich war gesundheitlich am Limit"

Trompeter Till Brönner ist in Sachen Jazz ein Exportschlager und ein extrem vielseitiger Künstler. Einerseits arbeitete er mit internationalen Jazz-Größen wie Klaus Doldinger oder Dave Brubeck, andererseits mit der inzwischen wenig angesagten Mädchenband No Angels oder der französischen First Lady Carla Bruni.

Im vergangenen Jahr sah man ihn gar neben Sarah Connor in der Jury der Castingshow "X-Factor" sitzen. Viele wunderten sich: Hat ein ernst zu nehmender Musiker, der auch Professor an der Hochschule für Musik in Dresden ist, das nötig? "Um ehrlich zu sein, habe ich auch erst gedacht, dass das nicht zu mir passt", sagt Brönner. Schließlich freundete er sich mit dem Format doch noch an. Wenn er etwa im Fernsehstudio auf der Bühne ein echtes Talent entdeckt hat, habe es ihn "ehrlich berührt", obschon er zu unterscheiden wisse, ob es sich um "echte Emotionen oder durch das Fernsehen ausgelöste Gefühle" handele. Beides erlebe er "unterschiedlich intensiv".

Der 39-jährige Brönner hat in der Kantine des Audi-Zentrums an der Franklinstraße in Charlottenburg Platz genommen. Er bestellt stilles Wasser. Er spricht konzentriert. Besonders wenn es um den deutschen Jazz-Nachwuchs geht, strahlen seine Augen. "Heute denken ja viele", sagt Brönner, "Jazz sei nicht wirklich hipp, und insofern könnte man vermuten, dass es auch weniger talentierte Nachkommen gibt." Das sei aber nicht der Fall. "Natürlich gibt es nicht an jeder Straßenecke Überflieger, aber das war früher auch nicht so."

Streng sei er als Lehrer nicht. Wenn er jedoch merke, sein Unterricht "landet nicht auf fruchtbarem Boden", sei er korrekt, aber nicht engagiert.

Zu engagiert war Brönner 2010. Ein Album ("At The End Of The Day") und ein Buch ("Talking Jazz") brachte er raus. Er tourte, lehrte in Dresden und saß in besagter Jury. "2010 war das arbeitsamste Jahr, was ich je hatte, und das würde ich so auch nicht wiederholen", sagt er. Er sei gesundheitlich absolut am Limit gewesen. Daher wolle er in diesem Jahr kürzertreten. "Ich lasse mir jetzt erst mal ein, zwei Jahre Zeit, bevor ich eine neue CD mache."

Zeit, die Brönner nutzen will, um sich neue Inspirationen zu holen. Im Berliner Nachtleben etwa. Er zieht gern durch die Clubs. Aus rein musikalischen Gründen natürlich! "Eine wichtige Aufgabe besteht für mich immer noch darin, in den Clubs zu sehen und zu hören, was die jungen Musiker machen. Ich halte das für eine der essenziellsten Aufgaben", sagt Brönner.

Und gerade in Berlin gebe es gute Chancen, etwas Besonderes zu entdecken. "Mittlerweile ist es so, dass Berlin die interessanteste Jazz-Szene in Deutschland hat." Berlin habe Potenzial. "Wenn man in New York oder in London sagt, dass man aus Berlin sei, dann kommt erst mal ein bewunderndes ,Ah'", sagt Brönner. Alle würden denken, es sei die Stadt, wo man als Musiker zurzeit leben müsse. Brönner ist Single, und um Familienplanung macht er sich keine Gedanken - oder doch? "Es gibt Menschen, die planen eine Familie, und es gibt Menschen, die haben eine." Er gehöre zu letzterer Gruppe. "Ich komme aus einer Familie, die mir wichtig ist und die mich unterstützt." Allerdings sei es auch ein Dilemma von Künstlern, die nicht damit kokettierten, aber irgendwann feststellen müssten, dass es schwer ist, Privatleben und Kunst unter einen Hut zu bringen. "Sicherlich ist es nicht ungewöhnlich, dass das Privatleben dadurch immer etwas in Unordnung gerät. Dass man es eben nicht so auf die Reihe bekommt, wie man es sich wünscht." Dabei gebe es doch nichts Schöneres, als zu wissen, wo man hingehöre, fügt Brönner nachdenklich hinzu. Aha. Auch ein viel beschäftigter Musiker sehnt sich anscheinend doch nach einer soliden Basis.