Song Contest

Unternehmen Titelverteidigung

"Verdammte Axt" ist ein Wort, das Lena Meyer-Landrut geprägt hat. Man darf also sagen: Verdammte Axt, warum soll es nicht klappen? 1971 ließ Katja Epstein das Publikum wählen, mit welchem Song sie in Dublin beim "Grand Prix de la Eurovision", wie das damals noch hieß, antreten sollte. Mit dem gewählten "Diese Welt" wurde sie Dritte. Verdammte Axt, das kann Lena auch.

Die Unkenrufer und Nörgler aber scharren. Es könne ja nicht gut gehen, wenn Lena jetzt zwölf Titel vorträgt und überhaupt gesetzt sei, heißt es. Und Stefan Raab , der habe neulich bei "Schlag den Raab" verloren, sein Pulver verschossen. Dabei gilt doch: Der Song-Contest ist keine ernste Veranstaltung. Nichts steht auf dem Spiel. Alles kann passieren. Auch, dass eine unbekannte 19-Jährige ganz Europa verzückt, gewinnt und sich hinterher freut "wie Hunderttausend Millionen kleine Hundebabys". Sehr viel Lena wird Deutschland jedenfalls in den nächsten Wochen zu sehen bekommen, doch es ist unklar, ob die Zuschauer das wollen. Am Montag wird in Köln das erste Halbfinale von "Unser Song für Deutschland" gezeigt, eine Woche später das zweite (beide bei Pro7). Sechs Lieder singt Lena jeweils, die Zuschauer sollen abstimmen, im Finale am 18. Februar wird dann das Siegerlied für Düsseldorf gekürt (ARD). Dazwischen erscheint das Album "Good News", im April will Lena auf Tournee gehen.

Bisher sang sie immer bloß zwei oder drei Lieder live. Sie verspricht "eine coole Live-Band" (hui!), "lichttechnisch in die Vollen" zu gehen (hui, hui!!) und "einigen Schnick und Schnack" (hui, hui, hui!!!). Hartnäckig hält sich das Gerücht, der Kartenvorverkauf sei bisher schleppend. Im Mai findet die große Sause in Düsseldorf statt. Da treten zum Glück 41 andere Kandidaten an, sogar - Achtung, zum ersten Mal seit 1997! - Italien.

Es stehen zwei Theorien nebeneinander: Erstens, was Raab macht, gelingt, er setzt die herkömmlichen Gesetze außer Kraft, die für Castingshows und den Song-Contest gelten. Zweitens, es gibt für Castingshow-Sieger keine Dauer und kein Comeback, Punktum. Gilt auch für Raabs Schützling Max Mutzke . Solange Lena nicht aufgetreten ist, lässt sich das nicht entscheiden. Im vergangenen Jahr hatte sie vor Auftritten "gefühlte 1200 Mettklöpse im Hals vor Aufregung". Weniger werden das nun nicht. Sicher ist, dass die übliche Spannungsdramaturgie von Castingshows bei "Unser Song für Deutschland" nicht funktioniert. Lena tritt keineswegs gegen eine andere Lena an, am ehesten kämpft sie mit den Zuschauern. Und mit der Kritik natürlich. In der Jury sitzt an vornehmster Stelle Stefan Raab, Kritik ist kaum zu erwarten. Die übrigen Juroren wechseln. Lena selbst sagt brav: "Im Mittelpunkt der Show steht die Musik, nicht meine Person." Das ist so, als erkläre RTL, beim Dschungelcamp gehe es um Naturschutz und friedliches Miteinander.

Jedenfalls wird es bei "Unser Song für Deutschland" auch um die Liedkomponisten gehen, die noch geheim sind. Nun sind Komponisten oft brave Menschen, die unspektakulär arbeiten. Angeblich ist Guy Chambers darunter, der für Robbie Williams und Kylie Minogue ganz zauberhafte Songs schrieb. Madonna bedauerlicherweise nicht, gibt Lena bekannt. Bei zwei Stücken firmieren Raab und Lena als Verfasser. Die Sängerin selbst hat Gesangsunterricht genommen, wohl auch Klavierstunden. Der Charme des Unbeholfenen ist damit verflogen. Es hilft an dieser Stelle, an junge Bands zu erinnern, die sich ruinierten, als sie ihre Instrumente tatsächlich zu spielen lernten und Ambition entwickelten.

Was hat Lena eigentlich seit vergangenem Sommer gemacht? Viel ist nicht bekannt, Privates bleibt privat, wie bei allen Leuten rund um Stefan Raab. Lena ist nach Köln gezogen, neulich ging sie in Düsseldorf Kleider kaufen, Kameras der Produktionsfirma Brainpool waren dabei. Für Opel tritt sie als Modell auf, nahm gelegentlich Preise entgegen, saß in Shows herum, doch nicht in vielen Talkshows. Gelegentlich wurde eine gewisse Zickigkeit moniert. Das übliche Schicksal vieler Eintagsfliegen aber hat Lena sich klug erspart: Kein verzweifeltes Rudern um Aufmerksamkeit. Keine Ausraster. Kein Promidinner. Das ist schon viel. Die bleibende Wahrheit über das Unterhaltungsfernsehen ist, dass Raab mit seinen Ideen das bürgerliche Lager verkörpert und so zu Recht mit der ARD kooperiert.

Das Unternehmen Titelverteidigung kann schiefgehen, klar. Wer weiß, wie viel Berechnung in Stefan Raabs direkt nach dem Sieg und deutlich in Sektlaune verkündetes "Wohlan, noch einmal!" wirklich war? Außerdem: Der erneute Titel würde für die ARD noch mal 25 Millionen Euro Kosten bedeuten. Das will niemand. Lena hat gerade erklärt, sie wolle im Mai nicht Letzte werden. "Ich hoffe, das kriege ich auch irgendwie hin." Verdammte Axt, darauf einen Mettklops.