Konzert

Der Künstler der Kanzlerin

"Mir fehlen ein bisschen die Worte. Es ist eine riesige Ehre, dass die Bundeskanzlerin von mir gehört hat und meine Musik mag. Ich hoffe, ich spiele besonders schön", sagte Geiger David Garrett, bevor er im Deutschen Theater in Mitte die Bühne betrat.

"60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre Mauerfall - Erinnerungen und Ausblick" hieß die Festveranstaltung, zu der gestern Vormittag die Vorsitzende der CDU Deutschland und Bundeskanzlerin Angela Merkel geladen hatte. Im Publikum saßen unter anderen Bundestagspräsident Norbert Lammert , die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach , der letzte Ministerpräsident der DDR Lothar de Maizière , Unionsfraktionschef Volker Kauder sowie Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen und deren Vater Ernst Albrecht , als der Deutsch-Amerikaner Garrett die etwa 500 Gäste mit dem Satz: "Ich freue mich wahnsinnig, heute bei euch zu sein", begrüßte. Hans Zimmers Musik zum Kinofilm "Fluch der Karibik" kündigte Garrett mit folgendem Hinweis an: "Ich bin sicher, ihr kennt das alle". Die Reaktionen aus den in leuchtendem Rot bezogenen Sitzreihen: hier und da dezentes Erstarren, ansonsten Schmunzeln. Immerhin hatte sich die Kanzlerin, wie gestern ein Sprecher der Deutschen Entertainment AG bestätigte, höchstpersönlich den Auftritt von Garrett (dieser spielte unter anderem ein Bach-Arrangement sowie Rimski-Korsakows "Hummelflug") gewünscht. "Bekanntermaßen mag Frau Merkel klassische Musik", sagte eine CDU-Sprecherin. "Und sie hat sich auch auf diese besondere, junge Art der Interpretation gefreut."

Der Kunst der Töne folgte die Kunst der Worte. In ihrer Rede forderte die Kanzlerin eine "nationale Kraftanstrengung" gegen die Wirtschaftkrise. "Der Staat allein kann es nicht schaffen. Alle sind gefragt, jeder an seinem Platz". Zugleich lobte die Kanzlerin die soziale Marktwirtschaft als deutsches Erfolgsmodell. "Wenn sich auf den internationalen Finanzmärkten alle daran gehalten hätten, wäre die jetzige Krise "gar nicht erst entstanden." Seit den 70er-Jahren hätten die Deutschen über ihre Verhältnisse gelebt. "Es wurden immer wieder Wechsel auf die Zukunft ausgestellt." In Bezug auf den Anlass der Veranstaltung - 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre Mauerfall - sagte sie: "Wir feiern deutsche Geschichte, wir feiern deutsches Glück."

Mehrfach wurden während der Veranstaltung die Verdienste von Altkanzler Helmut Kohl gelobt, der eingeladen, aber nicht anwesend war. Kohl halte sich nach seinem Sturz im vergangenen Jahr noch mit öffentlichen Auftritten zurück, er habe sich Schonung auferlegt, war gestern aus Kohls Büro zu erfahren. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla erklärte im Deutschen Theater, es bleibe das große historische Verdienst Kohls, die deutsche Einheit vollendet zu haben. Auch sonst wurden persönliche Erinnerungen an deutsche Geschichte wach. Kirsten Harms , Intendantin der Deutschen Oper, sagte über den Mauerfall: "Zusammen mit meinem Mann war ich in seiner Heimatstadt Fladungen, der nördlichsten Stadt Bayerns. Wir sind einfach rüber und durch all die kleinen Dörfer gefahren, die er nie erleben konnte." Bundesbildungsministerin Annette Schavan erzählte von jenem Tag, an dem sie zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor gegangen war. "Ich war auf dem Weg zu Kardinal Sterzinsky. Das Gefühl war unbeschreiblich." Ute Ohoven sagte über den Mauerfall: "Wir waren eigentlich mitten in den Vorbereitungen zu meiner zweiten Benefizgala. Plötzlich hat keiner mehr gearbeitet, wir haben alle nur noch gefeiert. Die Gala fand dann in Neuss im Swissotel statt. Menschen in Abendkleidern fielen sich in die Arme und küssten sich. Es war eine ganz spezielle Stimmung. So sollte es immer sein. Leider ist das Gefühl dann sehr schnell wieder verflogen." Es war gestern am Ende der Veranstaltung, als noch einmal David Garrett auf die Bühne kam und sagte: "Jetzt kommt ein Lied, das kennt ihr alle, eines, das sich besonders gut zum Mitsingen eignet." Und dann spielte er die Deutsche Nationalhymne.

Anja Popovic