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"Nur Dichter-Enkelin, das reicht mir nicht"

Anja Hauptmann (66) hat bereits Texte für Katja Ebstein, Lena Valaitis, Leonard Cohen, Curd Jürgens und Rex Gildo geschrieben, außerdem für Erfolgskomponist Andrew Lloyd Webber die deutsche Fassung für dessen Musicals "Jesus Christ Superstar" (1970) und "The Beautiful Game" (2000) verfasst.

Wenn morgen Abend im Theater am Potsdamer Platz das Musical "Dirty Dancing - Das Original Live On Stage" mit den Hauptdarstellern Janina Elkin (26, Ukraine) und Daniel Rákász (24, Ungarn) Berliner Premiere feiert, sitzt die Enkelin des Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann (1862-1946) im Parkett und kennt jedes Wort, das auf der Bühne zu hören ist: "Dirty Dancing" ist das 14. Musical, das Anja Hauptmann ins Deutsche übersetzt hat. "Ich habe sehr eng mit der amerikanischen Autorin Eleanor Bergstein zusammengearbeitet. Das war nicht einfach, denn sie ist sehr, sehr penibel, schließlich ist ,Dirty Dancing' ihr berühmtestes Projekt und ihr Lebenswerk."

Knapp drei Monate lang saß sie an der Übersetzung. Das Schwierigste daran: "Die Sprache muss fließen, die Worte müssen zur Musik passen und gut zu singen sein." Englisch ist Anja Hauptmanns "zweite Muttersprache, ich hatte eine englische Gouvernante". Am wichtigsten jedoch: "Man muss vor allem die Sprache, in die man übersetzt, total beherrschen."

Beim Übersetzen am Computer sitzt Anja Hauptmann in ihrer Wilmersdorfer Altbauwohnung, mit dem Musical als Begleitmusik im Hintergrund. "In einem Haus am Meer mit Blick aufs Wasser würde mir nichts einfallen, die Natur würde mich viel zu sehr ablenken."

Natürlich hat sie den Kultfilm "Dirty Dancing" (1987) mit Patrick Swayze und Jennifer Gray "mindestens fünf Mal" gesehen. Als Nächstes übersetzt Anja Hauptmann das Musical "Children's Letters To God", danach folgt das Projekt einer Neuübersetzung vom "Titanic"-Musical.

Sie kniet sich in Sprache und Musik rein, dabei wollte die Dichter-Enkelin ursprünglich Schauspielerin werden. "Aber als ich mit meiner Größe von 1,86 Meter an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule vorsprechen wollte, fragte mich der damalige Leiter Gerd Brüdern als Erstes: ,Oh Gott, wie groß sind Sie denn?' Heute wäre das anders, es gibt viele große, junge Frauen."

Immerhin schaffte sie es 1965 zur Ansagerin beim ZDF, hatte dort später mit ihrer von Abi Ofarim produzierten Langspielplatte "Mein Kind" sogar eine eigene Show und spielte in den TV-Kultserien "Kir Royal" und "Monaco Franze" mit.

"In München hatte ich außerdem zwölf Jahre lang ein eigenes Musikstudio." Die Tradition führt längst ihr Sohn Manuel Hauptmann (42) fort. Der Musiker, Komponist und Ton-Ingenieur, in den USA ausgebildet, lebt inzwischen auch in Berlin, hat ein eigenes Studio. "Der Kontakt zur Familie ist eng", freut sich die Junggesellin Anja Hauptmann, die seit 1982 auch das Erbe ihres Großvaters verwaltet. "Das nehme ich sehr ernst, aber nur Dichter-Enkelin zu sein, das reicht mir nicht."