Der Schlagerkönig und sein malender Schauspieler-«Sohn»

1960 verkaufte der damals 20-jährige Maler Jürgen Draeger sein erstes Ölbild - es zeigt einen Friedenauer Altbau, auf dessen Brandmauer der Namenszug der Berliner Morgenpost steht - für 390 Mark. Ein kleines Kunstwerk mit großen Folgen, machte es doch den Maler und Schauspieler indirekt zum Millionär. Denn der Käufer des 60 mal 80 Zentimeter großen Bildes war Bruno Balz, berühmter Textdichter, aus dessen Feder viele der populärsten Schlager-Klassiker der 30er- bis 60er-Jahre stammen.

Zur Geldübergabe lud er den jungen Nachwuchskünstler Draeger zum Abendessen in seine große Altbauwohnung an der Charlottenburger Fasanenstraße. Es war der Beginn einer lebenslangen engen Freundschaft. Erst jetzt wurde aber bekannt, dass der 1988 im Alter von 85 Jahren verstorbene Balz den 38 Jahre jüngeren Draeger sogar zu seinem Universalerben machte. Zur Hinterlassenschaft gehören Texte von mehr als 1000 Liedern, darunter Evergreens wie «Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern», «Das machen nur die Beine von Dolores», «Ich brech die Herzen der stolzesten Frau'n», «Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n», «Berlin bleibt doch Berlin» und «Wir wollen niemals auseinandergeh'n».

Stars wie Zarah Leander, Heinz Rühmann, Johannes Heesters , Hans Albers, Caterina Valente , Marika Rökk und Vicco Torriani gehörten ebenso zu Balz' Interpreten wie Heidi Brühl , Charles Aznavour , Milva und Heintje . Ein Grund mehr für Rechteinhaber Draeger, zum 100. Geburtstag von Bruno Balz am 6. Oktober eine Doppel-CD mit dem Titel «Der Wind hat mir ein Lied erzählt» - Hommage an den Textdichter Bruno Balz (Monopol Records) zu veröffentlichen. Zu diesem Zweck gründete Draeger die Firma «Evergreens Comeback!».

«Jetzt bin ich auch noch Plattenproduzent», lacht Draeger, der für seine erste große Rolle in Jürgen Rolands Krimi «Polizeirevier Davidswache» 1965 gleich den Bundesfilmpreis bekam, später mit Rainer Werner Fassbinder drehte, im In- und Ausland Theater spielte sowie Kostüme, Bühnenbilder und Theaterplakate entwarf - bis er plötzlich auf keinem Berliner Empfang mehr zu sichten war und auch vor keiner Kamera mehr stand.

«Nach Bruno Balz' Tod war ich rund zehn Jahre lang auf Weltreise, habe in Amerika, Afrika und Asien gelebt und gemalt», erzählt Draeger, der für seine Bilder nach eigener Aussage zwischen 2000 und 60 000 Euro verlangen kann. Über den verheirateten, aber kinderlosen Textdichter sagt Draeger: «Er war wie ein Vater für mich.» Balz soll allein an den von Gerhard Wendland besungenen «Beinen von Dolores» so viel verdient haben, dass er sich drei Mietshäuser in Berlin kaufen konnte. In einem davon - einem Neubau am Hohenzollerndamm - wohnt heute sein Universalerbe. Barbara Jänichen