"Carla Bruni kann nicht kochen"

Jean Pigozzi, ein Koloss im mediterranen Privatier-Look (Jeans, weites Polohemd über dem Gourmet-Bauch), schlurft in die Halle des Berliner Hotels "Kempinski" - und legt sich erst mal ab: quer über ein Sofa, die Füße in Turnschuhen weit von sich gestreckt, Augen zu.

Darin zeigt sich das Verständnis eines wahren Weltmannes: Es kann ihm herzlich egal sein, was andere über ihn denken, er muss nichts mehr beweisen - die Welt ist seine Auster. Mit Jean Pigozzi sprach Dagmar von Taube.

Berliner Morgenpost:

Auftritte wie Ihren erlebt man selten, Herr Pigozzi. Gehören Sie zu den Jetset-Dinosauriern einer aussterbenden Art?

Jean Pigozzi:

Ach, Jetsetter, das ist ein überholter Begriff, als das Reisen noch eine aufregende Sache war. Ich bin Finanzier und Fotograf.

Eine Art Paparazzo, der der Partywelt, in der er sich selbst herumtreibt, den Spiegel vorhält - warum?

Ich bin kein echter Paparazzo natürlich, nur ein Amateurfotograf, der das Leben feiert, an dem ich zwar teilnehme, aber meist nur als Zuschauer. Ich bin ein visuell veranlagter Mensch, wohl weil ich Legastheniker bin. Ich kompensiere meine Einschränkungen beim Schreiben und Lesen durchs Sehen. Statt Tagebuch führe ich ein Bilderbuch, mit Fotos als Notizen von dem, was um mich herum passiert.

Und die Erkenntnis aus den Jahren?

Eigentlich öden mich Partys an, aber der Mensch ist generell gelangweilt. Wo ich nicht fotografieren darf, gehe ich gar nicht mehr hin. Ich brauch' die Beschäftigung.

Wird man als Weltmann geboren oder muss man sich das erst mit den Jahren erleben?

Mich beeindruckt einfach Kreativität: Leute, die morgens mit einem Stift und einem Blatt Papier anfangen und dann Häuser entwerfen, Songs schreiben, Bilder malen oder Computerprogramme entwickeln. Nichts ist langweiliger als diese Big-Business-Bosse, außer sie haben etwas selbst aufgebaut wie Gates oder Steve Jobs. Der Chef von Mercedes, der Chef von Siemens oder Ciba Geigy - diese spießigen Ehrgeizlinge ertrag' ich nicht.

Man muss originell sein, schöpferisch, engagiert.

Aber gelassen dabei. Nicht wie Brad Pitt, der dir gleich nach der Begrüßung einen Riesenvortrag über Afrika hält. Was soll das? Politiker reden doch auch nicht permanent über das Filmgeschäft. Überhaupt ist Hollywood so albern geworden. 80 Prozent der Filme sind doch grässlich. Mein Traum war immer, auf 16 Millimeter meine 100 Lieblingsfilmpassagen zu besitzen. Heute habe ich 4000 DVDs und die meisten davon nie gesehen.

Eine Londoner Unternehmergattin klagte neulich, mit ihrem Townhouse in Belgravia und ihrem südfranzösischen Chateau zählten ihr Mann und sie mit Ach und Krach zur "Unterschicht der Millionäre". Wie reich ist heute eigentlich reich?

Keine Ahnung. Aber wer sich aufregt wie ich, wenn er mitkriegt, dass der Nachbar im Flugzeug nur die Hälfte für sein Ticket bezahlt hat, weil er einfach schlauer als mein Büro gebucht hat, ist vermutlich noch nicht reich genug. London-Berlin mit Easyjet kostete 100 Euro, im Privatjet wären es 10 000. Ich fliege beides, aber in diesem Fall war mir meine Zeit das Geld nicht wert. Da kaufe ich mir doch lieber noch zwei tolle Bilder.

Kunst gehört zum Lebensgefühl.

Oh ja, sammeln ist wie eine Sucht! Vor allem Männer leiden daran, Frauen werfen leichter weg. Für Trinker gibt's ja die Anonymen Alkoholiker, so etwas sollte es im Grunde auch für Sammler geben: die Anonymen Art-Collectors. Mick Flick wäre sicher auch ein Fall für die AA-Collectors. Früher war er der Lebemann, heute sammelt er nur noch. Aber es macht eben auch Spaß, etwas zu finden, das niemand sonst besitzt oder je gesehen hat.

Wo liegt noch das letzte Paradies?

Im Internet: Second Life! Ich war einer der ersten Investoren dort. Waren Sie mal da?

Nicht wirklich, ich habe mit dem Real Life noch genug zu tun ...

In Second Life bin ich eine sehr hässliche Frau. Interessante Erfahrung. Ich treffe Leute, aber die meisten laufen weg, wenn sie mich sehen, so hässlich bin ich. Ich wollte gar nicht hässlich sein, ich wusste nur nicht, wie ich mich hübsch gestalten kann. Das ist ganz schön schwierig. Großer Mund, kleiner Mund? Laut Statistik sind übrigens über 30 Prozent der Frauen in Second Life Männer! Diese irren Häuser, die die Leute da bauen, die Galerien, das Musikgeschäft - faszinierend. Aber das Tollste da ist, dass ich fliegen kann, wie ein schneller Vogel davondüsen.

Sie möchten weg?

Mein Traum wäre, einmal dort zu leben, wo ich niemals Strümpfe tragen muss. Also, Berlin wäre zu kalt für mich, oh Gott, der Winter, und dann die blassen Gesichter. Berlin ist eine Nachtstadt. Erst wenn es dunkel ist, werden Stadt und Menschen schön.

Wo gibt es noch magische Nächte?

Die Party für den Künstler Richard Prince neulich in London war magisch. Und Moskau, ich war jetzt zum ersten Mal da: eine wirkliche Hauptstadt, groß und stark und teurer als London. Die Restaurants sind toll, die Nightclubs, die Mädchen auch, echt, puh, also - irre!

Auf unserem Foto feiern Sie mit Carla Bruni, früher Model, heute Frankreichs First Lady. Wie ist die so?

Sehr schlau, sehr elegant, sehr gute Sängerin. Liebt mächtige Männer, kann nicht kochen, raucht.

Carla Bruni 1991 in Venedig: Sie rauchte bereits, Pigozzi versucht sich bis heute alkoholfrei zu amüsieren. Der italienische Unternehmer und Hobbyfotograf wurde 1952 in Paris geboren. Er ist der Sohn von Henri Pigozzi, der das französische Automobilunternehmen Simca gründete. In Berlin zeigt die Helmut Newton Foundation, Jebensstraße 2 in Charlottenburg, bis 16. November unter anderem die Party-Schnappschüsse aus 30 Jahren des Fotografen Pigozzi. Titel der Ausstellung: "Pigozzi and the Paparazzi". Geöffnet ist Di.-So., 10 -18 Uhr, Do, 10-22 Uhr