Leserbriefe

„Psychisch krank, zutiefst depressiv“

| Lesedauer: 4 Minuten

Leser zum Absturz der Germanwings-Maschine, der vom Copiloten bewusst herbeigeführt wurde

Das Drama um die Absturzursache bewegt mich sehr, wirft viele Fragen auf und versetzt mich auch teilweise in meine Vergangenheit. Was kann einen Menschen bewegen, sich und 149 unschuldige Menschen in den Tod zu reißen? Ist der Pilot ein Mörder, eine Bestie? Ich denke nein. In meinen Augen war der Mann psychisch krank, zutiefst depressiv. Nicht wenige Depressive neigen zum Suizid. Mehr als fünf Millionen Deutsche sind depressiv, viele unbewusst. Die Menschen funktionieren nur noch, sind oft mit der Arbeit und dem Familienleben überfordert. Ein Suizidversuch ist kein spontaner Akt, auch nicht bei dem Piloten. Es dauert sehr lange, bis man aus Verzweiflung so weit ist, diesen schlimmen Schritt zu gehen. Es verwundert mich jedoch, dass er seine psychischen Probleme nach außen gegenüber seiner Familie, den Arbeitskollegen und Freunden so verbergen konnte. Sollte der Pilot in Angst um seinen Arbeitsplatz nicht über seine Probleme gesprochen haben, wäre dies sehr verantwortungslos gewesen.

Thomas Kühne, Üllnitz

Entgegen allen vorschnell geäußerten Vermutungen hat sich nun ergeben, dass weder Materialfehler noch menschliches Versagen die Tragödie verursacht haben, sondern der Todeswunsch eines depressiven Menschen. Es lehrt uns wieder einmal, dass vorschnelle Einschätzungen fehl am Platz sind. Auch brauchen wir keine Schlaumeier, da wir uns glücklicherweise nicht in dieser Ausnahmesituation befunden haben und diese auch nicht ermessen können. Verhalten wir uns besser in stiller Trauer und Gedenken an die Toten, deren Angehörige und auch an die Eltern des Copiloten, die die grausame Schuld ihres Sohnes bis zum Lebensende mittragen müssen.

Ilse Zippel, per E-Mail

Laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr seien die Piloten der Lufthansa (Germanwings) die „Besten der Welt“. Auch habe sich der Pilot vorbildlich verhalten, weil er das Cockpit erst verlassen habe, als die Reiseflughöhe erreicht war. Da bin ich anderer Meinung. Ein Flugkapitän, der einen verantwortungsvollen Flug vor sich hat, sollte vor Antritt des Fluges seine Notdurft verrichten.

Dann wäre es nicht gleich am Anfang des Fluges zur Aussperrung gekommen. Es handelt sich schon um einen Terrorakt, denn der Copilot wollte nicht nur sich und die Maschine zerstören, sondern hat auch den Tod der Passagiere und der Besatzung eingeplant. Dieses Vorgehen unterscheidet sich nicht von den üblichen Terroranschlägen, bei denen meistens eine unkalkulierbare Zahl an Opfern eingeplant ist.

Gerda Hecht, per E-Mail

Zunächst sollten angefangene Baustellen fertiggestellt werden

Zum Artikel: „Schönheitskur im Untergrund“ vom 14. März

Dass nach den vielen Jahren des Nichtstuns die Zeit drängt, mehr als bisher zu sanieren, ist klar. Die Verantwortlichen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sollten aber, bevor sie immer neue Baustellen eröffnen, bestehende Baustellen erst einmal zu Ende bringen. Da ist der U-Bahnhof Mehringdamm, wo Anfang 2011 mit der Sanierung begonnen wurde, aber die Sanierung nach vier Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Der Mehringplatz ist seit vielen Jahren gesperrt, um die U-Bahndecke zu sanieren, aber noch lange nicht wieder frei zugänglich. Am Hermannplatz hat man vor einigen Jahren einen Treppenzugang erneuert, die anderen verfallen aber weiter. Nun ist auch noch ein großer Teil der Decke (U7) heruntergefallen. Die BVG aber kündigt großartig neue Schönheitskuren für 12 andere U-Bahnhöfe an, obwohl anderes noch nicht beendet ist oder zusehends mehr verfällt.

Klaus Okrafka, per E-Mail

Eine Merkwürdigkeit, die man einem Rechtsstaat nicht zugetraut hätte

Zum Artikel: „Urteil: Ex-CSU-Fraktionschef Schmid akzeptiert Strafe“ vom 24. März

Der Ex-Landtagsfraktionschef der CSU, Georg Schmid, ist klug genug, die äußerst milde 16-monatige Bewährungsstrafe wegen Sozialbetruges von 300.000 Euro zu akzeptieren. Doch das großzügige Urteil lässt Zweifel an einer rechtsstaatlichen Bewertung zu. Wer mehr als 20 Jahre lang in politischer Spitzenstellung die Sozialkassen um mehr als 300.000 Euro dadurch betrügt, dass er seine Ehefrau als Scheinselbstständige im öffentlichen Amt beschäftigt, hat mit diesem Urteil das große Los gezogen. Bei dieser hohen moralischen Schuld der kriminellen Ausnutzung seines Amtes ist die Strafe eine Merkwürdigkeit, die man einem Rechtsstaat nicht zugetraut hätte.

Harry Döring, per E-Mail