Leserbriefe

„Ein Hauch von Pedanterie“

Leser zu den strengeren Regeln für Straßencafés in der City West, damit Gehwege für Passanten frei bleiben

Als ich 2006 von München nach Berlin kam, war einer der bemerkenswertesten Unterschiede im Straßenbild die Kultur der Straßencafés: Während in München die Linie des früheren „Schwarzen Sheriffs“ Peter Gauweiler weiterverfolgt wurde und die Mitarbeiter des Kreisverwaltungsreferats mit dem Maßband in Schwabing jeden Stuhl auf dem Bürgersteig zentimetergenau auf korrekte Positionierung überprüften und bei Verstößen drakonische Strafen verhängten, schien man diese Frage in Berlin viel lockerer zu sehen. Die zum Glück meist sehr breiten Bürgersteige ließen dies auch ohne Weiteres zu – Passanten, auch solche mit Kinderwagen, auch Rollstuhlfahrer, hatten in der Regel keinerlei Probleme, an Stühlen und Tischen vorbei ihren Weg fortzusetzen. Gravierende Behinderungen oder Belästigungen sind mir nicht aufgefallen, auch wenn es die gelegentlich geben mag. Und nun wollen die Ordnungsämter von dieser freizügigen Regelung abweichen, um irgendwelchen bürokratischen Anforderungen genüge zu tun? Verströmt nicht schon ein Begriff wie „Unterstreifen“, den ich in diesem Zusammenhang zum ersten Mal gehört habe, einen Hauch von Pedanterie? Ich wünsche Herrn Lehmann-Brauns und seinen Mandanten viel Erfolg bei der Auseinandersetzung mit dem Amtsschimmel!

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, Schöneberg

Uwe Lehmann-Brauns, sonst sicher ein honoriger Politiker, irrt hier. Straßencafés sind ganz bestimmt keine Zierde unserer Stadt, sondern eine Last. Ein Wirt kauft oder mietet Gaststättenräume, bietet dort seine Leistungen feil. Das ist seit Hunderten Jahren so. Warum es seit einigen Jahren nötig sein muss, auf öffentlichem Straßenland Zelte und Buden aufzustellen, die Platz wegnehmen und die dann auch noch umweltschädlich mit Flüssiggasheizung auf Zimmertemperatur gebracht werden, erschließt sich mir nicht. Muss die Raffgier der Wirte grenzenlos befriedigt werden? Wohl nicht. Es gibt Gaststätten, die Gäste im Biergarten auf eigenem Grundstück bewirten. Wer will, kann sich jederzeit ebenso so einen Restaurantbetrieb kaufen oder pachten. Ein Geschäft auf Kosten der Öffentlichkeit, die kaum Raum zum Flanieren hat und vor der Haustür auch noch die Geräuschkulisse der Gäste ertragen darf, muss wirklich nicht sein.

Ralf Drescher,Lichtenberg

Wieder einmal erweist sich Stadtrat Marc Schulte als Provinzpolitiker, dessen großstadtferne Einstellung jetzt die Gastwirte zu spüren bekommen. Jetzt sind es also die Straßencafés, die aufs Korn genommen werden. Ich finde, solange Kinderwagen und Rollstühle problemlos durchkommen, ohne Stühle und Tische mitzunehmen und ohne dass Radfahrer auf dem Gehweg die Bedienung zusammenfahren, sollte das stattfinden, was dem Stadtrat zu fehlen scheint: Toleranz, Fingerspitzengefühl für Großstadtleben, Professionalität und ein Ende, andere lehrerhaft zu kujonieren.

Hans-Georg Reiss, Charlottenburg

Schäuble soll sich durch Anfeindungen nicht beeinflussen lassen

Zum Artikel: „Schäuble lässt die Griechen abblitzen“ vom 20. Februar

Finanzminister Schäuble hat im Sinne seines Amtseides und der Steuerzahler in den Euro-Staaten gehandelt. Ohne diese konsequente Haltung kommt diese griechische Regierung nie zur Vernunft.

Dr. Bernd Nowacki, Moabit

Wenn Herr Schäuble, der eher für zurückhaltende Äußerungen in der Öffentlichkeit bekannt ist, in dieser Weise formuliert, wird er allen Grund dazu haben. Letztendlich sind nicht wir für die haltlosen Versprechungen der neuen griechischen Regierung verantwortlich. So sehr wohl alle EU-Institutionen und auch der IWF der griechischen Bevölkerung helfen möchten, geraten doch die Schritte der griechischen Regierung, die bis heute gemacht wurden, immer mehr in den Verruf der Abzockerei. Es ist doch wohl zu erwarten, dass eine Regierung zunächst einmal im eigenen Land den Versuch unternimmt, die Staatsfinanzen wieder in Ordnung zu bringen und nicht – positive Zwischenergebnisse ausgenommen – am „Weiter so wie bisher“ bastelt. Es fehlt inzwischen offenbar bei allen EU-Regierungen jedes Verständnis, bei diesem unverschämten Verhalten still zu halten. Ich hoffe, dass unsere Regierung und im Besonderen der an unmittelbarer Front stehende Finanzminister Schäuble sich nicht durch die persönlichen Anfeindungen beeinflussen lässt.

H. Lemke, Britz