Leserbriefe

Rot-Rot-Grün wird Linke verändern

Leser zur Wahl von Bodo Ramelow (Linke) zum Ministerpräsidenten von Thüringen

Wegen eines Politikers der Linken, der in einem demokratischen Verfahren zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, wird Thüringen oder Deutschland nicht untergehen. So funktioniert nun einmal unsere Demokratie mit der personalisierten Verhältniswahl. Alte Koalitionen zerfallen und neue sorgen dann hoffentlich für das Aufbrechen verkrusteter Strukturen auf politischen Einbahnstraßen. Verlorene Macht führt immer zu Fehleinschätzung der eigenen Fehler und der neuen politischen Konstellation. Franz Müntefering (SPD) sagte vor n Jahren einmal zu solch einer Situation treffend: „Opposition ist Mist.“ Damit hat er zwar recht, aber die Opposition sollte es als Chance verstehen, um bei den Bürgern für mehr politische Akzeptanz – auch zwischen den Wahlen – zu sorgen. Und das sollte sich nicht nur auf die berechtigte Aufarbeitung der SED-Vergangenheit beschränken.

Dr. Hans-Dieter Seul, Lichterfelde

Die Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten belegt einmal mehr die extrem starke Integrationskraft des hiesigen politischen Systems, da es beileibe kein leichter Weg von einer reinen Oppositionsgruppierung mit DDR-Sozialisation hin zu einer Regierungspartei im wiedervereinigten Deutschland ist. Das Bündnis Rot-Rot-Grün wird die Linke weiter verändern, da man jetzt nicht mehr einfache ideologische Antworten geben kann.

Rasmus Ph. Helt, per E-Mail

Ich verstehe die Welt nicht mehr, alle Politiker regen sich auf, dass die Linken gewählt wurden, keiner fragt, warum sich die Wähler 25 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht mehr für CDU und SPD entscheiden. Nicht Ramelow ist der Sündenbock, sondern Merkel und die SPD sind es. Weshalb wählen 25 Jahre nach der Wende die Menschen in Thüringen nicht das, wofür sie 1989 gekämpft haben und warum wählen nur die Hälfte der Wahlberechtigten? Das müssen sich SPD-Chef Sigmar Gabriel und CDU-Chefin Angela Merkel überlegen, statt über die Linke herzufallen. Die wären nie gewählt worden, wenn die Wähler der CDU unter Merkel vertrauen würden. Also muss die Diskussion vom Kopf auf die Füße gestellt werden, was haben CDU und SPD falsch gemacht?

Eberhard Backhaus, Lichtenberg

Ich freue mich über die Wahl des ersten Linken-Ministerpräsidenten, denn nun kann endlich Normalität im Umgang mit dieser Partei im politischen Alltag einkehren. Nur, wenn man einer politischen Kraft auch Verantwortung überträgt, kann man sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und sie gegebenenfalls auch entzaubern. Deshalb hoffe ich, dass sich Bodo Ramelow als neuer Landesvater von Thüringen nicht verbiegen lässt und seine politischen Visionen und Themen auch konsequent durchsetzt. Seine Antrittsrede im Landtag und seine ersten Fernsehinterviews als neuer Regierungschef geben Anlass zur Hoffnung, dass wir es hier mit einem neuen Politiker-Typ zu tun bekommen, der sich nicht in allgemeinen nichtssagenden Floskeln und Geschwafel verliert, sondern sich exzellent mit jedem Thema intensiv auseinandersetzt und dabei seinen Interviewpartnern auch noch intellektuell überlegen ist.

Thomas Henschke, Reinickendorf

Größere Erfolge kann die Linkspartei insbesondere in den östlichen Bundesländern verbuchen, was zumindest nachdenklich stimmt. Kann man sich denn an die Zeiten von SED-Diktatur und sozialistischer Planwirtschaft nicht mehr erinnern? Die Zerstrittenheit der Landes-CDU hat natürlich auch irgendwie dazu beigetragen, dass eine solche Konstellation in Thüringen überhaupt möglich wurde. Wenn Rot-Rot-Grün Schule macht, dann gehen wir wirklich schlechten Zeiten entgegen. Wenn es um den Machterhalt geht, werden SPD und Grüne dieses Modell auch auf der Bundesebene versuchen. Ein Schreckensszenario.

Christoph Luban, per E-Mail

Wer sich dem Unrecht entgegenstellt, verdient unseren Respekt

Zum Artikel: „Wieder tödliche Zivilcourage“ vom 6. Dezember

In dem Artikel wird auf die schreckliche Parallele zum Fall Tugce A. aufmerksam gemacht. Dabei vermisse ich allerdings die kollektive Trauer, die man kürzlich der jungen Frau zukommen ließ. Gibt es Lichterketten, Trauermärsche, Bundesverdienstkreuze und die Anwesenheit des Bundespräsidenten nur für ausländische Mitbürger? Wir sollten jedem, der sich dem Unrecht entschlossen entgegenstellt, den gleichen Respekt erweisen.

Juergen Winkler, per E-Mail