Leserbriefe

„Bildungspolitik ist verkrustet“

Leser über den Plan der Senatsbildungsverwaltung, Schulschwänzen künftig schneller zu ahnden

Wenn Stefanie Remlinger, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, sich gegen die harten Strafen, die Joschka Langenbrinck (SPD-Abgeordneter, die Red.) endlich für notorische Schulschwänzer für ganz Berlin fordert, ausspricht und stattdessen „qualifizierteren Unterricht“ fordert, dann ist das ein Paradebeispiel, wie Politiker, wenn schon einmal ein richtiger Vorschlag gemacht wird, diesen boykottieren und Lehrerschelte betreiben, statt zu handeln. Die Jugendrichterin Kirsten Heisig hat in ihrem Buch vor ihrem Tod eindringlich dargestellt, dass das Schulschwänzen zur Kriminalität führt. Die Politik muss darin einig sein, der Schule zu helfen, eine Grundtugend, nämlich die Pünktlichkeit und die Zuverlässigkeit, zu vermitteln. Es ist doch bekannt, dass das Fehlen dieser Eigenschaften der häufigste Grund dafür ist, dass die Lehrlingsausbildung scheitert.

Prof. Dr. Ludger Schiffler, Freie Universität Berlin

Nach 15 Jahren in England, wo ja bekannterweise Bildungspflicht statt Schulpflicht herrscht und man auch eine unverkrampfte Haltung zum Thema „Homeschooling“ hat, kommt mir die Starre, in der das deutsche Bildungssystem verharrt, äußerst befremdlich und autoritär vor. Der überwiegende Teil des Artikels berichtete ja auch von härteren Maßnahmen, mehr Kontrolle, Bußgeldern. Wenn man nicht frühzeitig und hart eingreife, drohe der Einstieg in eine kriminelle Laufbahn. Um so erfreuter war ich, dass Stefanie Remlinger, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, dem kritisch gegenüber steht und statt Härte und Strafen eher darauf setzt, nach den Ursachen zu forschen. Besonders nach meinem Aufenthalt in England und meiner Erfahrung mit der Demokratie dort, bin ich der Meinung, dass der deutsche Staat im Hinblick auf die Durchsetzung der Schulpflicht zu massiv in die Rechte von Eltern und Kinder eingreift.

Ich bin der Meinung, dass viele der sogenannten Schulschwänzer gute Gründe für das Fernbleiben vom Unterricht haben. Sei es wegen Mobbings oder einfach, weil der Unterricht oft völlig an der Lebenswirklichkeit vieler Jugendlicher vorbeigeht. Zudem entspricht die Art und Weise, wie an Schulen überwiegend fremdbestimmt gelernt werden muss, nicht den Erkenntnissen der heutigen Lernwissenschaft. Statt jedoch im System nach Fehlern zu forschen, werden diese Kinder – und oft auch ihre Eltern – stigmatisiert, als psychisch krank und als Kleinkriminelle und Taugenichtse hingestellt. Es wird mit Zwangsmaßnahmen gedroht, statt ihnen wirkliche Alternativen anzubieten. Stimmen wie die von Frau Remlinger geben mir aber doch die Hoffnung, dass unter der Kruste, unter der die deutsche Bildungspolitik erstarrt ist, doch noch ein bisschen Leben herrscht.

Silke Bishop, Spandau

Seit vier Jahren können wir nicht glauben, dass der Berliner Senat tatenlos zusieht, wie die Zahl der Schulschwänzer jährlich zunimmt. Die hoch gelobte neue Schulform „ISS“ (Integrierte Sekundarschule) hat das Problem noch weniger lösen können als die Hauptschulen vorher. Allein die Zahl von insgesamt 13.788 unentschuldigt Fehlenden in den ISS im ersten Halbjahr des Schuljahres 2013/14 ein bis zehn Tage lang sowie 555 Schüler über 40 Tage zeigt doch, dass es so nicht weitergehen kann. Es muss dringend noch zu Schuljahresbeginn eine für alle Bezirke geltende Schulpflicht-Regelung geben. Ohne Sanktionen an die Eltern ist das nicht zu schaffen. Nach dem Schwänzen kommt der Schulabbruch, dann folgen Arbeitsuntauglichkeit, Kriminalität. Berechnungen allein von rund 1500 jährlichen Schulabbrechern ergeben viele nicht vermittelbare Jugendliche in 20 Jahren, die den Rest des Lebens Sozialhilfe erhalten auf Kosten derer, die arbeiten. Wir fordern klare, wirksame Sanktionen, die Eintragung in ein Register. Wer die Schule schwänzt, abbricht, verspielt für den Rest des Leben eine Unterstützung vom Staat.

Beate Sturm, Arbeitskreis Schulschwänzer – Jugendkriminalität Berlin

Joschka Langenbrincks Forderung in Bezug auf die Ahndung von extrem häufigem Schulschwänzen („Wir brauchen klare Regeln, die für alle Bezirke und für alle Schulen gelten“) muss schnellstens von Regierung und Parlament umgesetzt werden. Wie lange noch sollen diese undisziplinierten Schüler(innen) Lehrern und Schulleitern auf der Nase herumtanzen und die Ordnung in den Schulen ruinieren dürfen. Es reicht doch nicht, wenn nur in Neukölln unter Herrn Buschkowsky seit Jahren versucht wird, diesem Problem Herr zu werden. Wie die Schulkarrieren dieser Mega-Schwänzer zu oft enden, hat uns doch die Richterin Frau Heisig deutlich beschrieben. Es muss in Berlin endlich einheitlich und durchgreifend gehandelt werden.

Roland Wieckert, Oberstudienrat i.R., per E-Mail