Leserbriefe

„Jetzt kommt das böse Erwachen“

Leser zum Fehlen von 2000 Lehrern an Berlins Schulen und den Bemühungen, Quereinsteiger zu finden

Dass in Berlin im Vergleich zu den anderen Bundesländern Lehrernachwuchs in erheblichem Umfang fehlt, ist keineswegs allein auf die wachsende Zahl von Pensionierungen oder auf wider Erwarten steigende Schülerzahlen zurückzuführen. Die Gründe sind in weiter zurückliegenden Fehlentwicklungen zu suchen. Die Debatte infolge des Pisa-Schocks konzentrierte sich zunehmend auf die für die „Bildungsmisere“ angeblich hauptverantwortliche Lehrerschaft. Auch prominente Erziehungswissenschaftler ließen an unserem Berufsstand kaum ein gutes Haar. Weder Politik noch verantwortliche Senatoren oder Schulaufsicht konnten sich dazu durchringen, Vorurteile über den Lehrerberuf in der Öffentlichkeit zurechtzurücken. Im Gegenteil: Schon seit den 90er-Jahren wurde überall im Bildungsbereich gespart, schließlich die Verbeamtung der Lehrer abgeschafft. Und dank der Berliner Sparpolitik wurden praktisch ohne Gegenwehr der Bildungsbehörde und der Gewerkschaften die Anfangsgehälter der neu angestellten Lehrer so stark abgesenkt, dass viele ausgebildete Kollegen eine Berufstätigkeit in Berlin möglichst vermieden. Der Exodus in andere Bundesländer begann. Das ganze Desaster zeigt sich jetzt in der Anwerbung von Quereinsteigern, die ohne systematische Ausbildung in den Schulen tätig werden sollen.

Claus-Dieter Stein, Schmargendorf

Es ist nicht erstaunlich, aber eine Wahrheit, die weder die Senatsschulverwaltung noch der Finanzsenator gerne zur Kenntnis nehmen. Alle bisherigen Bemühungen zur Abwendung eines massiven Lehrermangels in den Berliner Schulen sind gescheitert. Auch die Quereinsteiger sind mangels fachlicher und pädagogischer Qualifikation keine Lösung. Wenn zu den Bedingungen, die Berlin bietet, keine ausreichende Anzahl kompetenter Lehrer gefunden wird, muss Berlin die Rahmenbedingungen verbessern. Das heißt, den Standard an Brandenburg anpassen, mit Verbeamtung und Erhöhung der Beamtengehälter. Berlin ist das Schlusslicht bundesweit im Gehaltsniveau bei den Beamten und sollte sich nicht wundern, wenn die Stadt ausblutet. Ohne gute Schulen und eine engagierte Verwaltung wird Berlin trotz aller Start-ups sehr bald in seinen Wachstumsraten begrenzt sein.

Marion Kittelmann, per E-Mail

Für die Bildung kann nicht genug getan werden, auch und gerade in finanzieller Hinsicht. Gut ausgebildete Lehrer sind das A und O unseres Bildungssystems. Jetzt kommt es darauf an, das Potenzial zu nutzen, damit es in Berlin besser wird. Es gibt eigentlich genug qualifiziertes Lehrpersonal, jetzt ist es eine Managementaufgabe, sich dieser Leute zu bedienen.

Christian Lukner, per E-Mail

Die Schulverwaltung hat seit Jahren ihre Hausaufgaben nicht gemacht, denn dass Lehrer in Pension gehen, war vorhersehbar. Berliner Personalräte fordern seit mehr als zehn Jahren eine 110-prozentige Personalausstattung, um eine gute Altersmischung und eine ausreichende Vertretungsreserve an den Schulen zu haben. Stattdessen mussten die Schulen mit knapp 100Prozent Lehrkräften auskommen, wurde die Verbeamtung gestrichen, die Lehrerausbildung geändert, die Attraktivität der Grundschullehrertätigkeit durch geringere Bezahlung (im Vergleich zu den Oberschulen) gesenkt, die Arbeitszeit an Schulen kräftig erhöht – und nun kommt das böse Erwachen. Darüber hinaus geistern die Inklusionspläne durch Berlins Schulhausflure, obwohl selbst gestandene Lehrer der ständig steigenden Zahl schwerst verhaltens- und psychisch gestörter Kinder an Grundschulen unter den jetzigen Arbeitsbedingungen kaum noch etwas entgegenzusetzen haben. Wer will es den jungen Lehrkräften verübeln, dass sie davor zurückschrecken. Wenn Berlin Lehrer gewinnen will, muss die Bezahlung steigen und die Unterrichtsverpflichtungen müssen sinken. Auch die Verbeamtung muss wieder in Erwägung gezogen werden.

Susanne Held, Spandau

Ohne Quereinsteiger wird es wohl nicht gehen, dem Lehrermangel Herr zu werden. Und schon kommen die Experten mit erhobenem Zeigefinger daher und sind der Meinung, dass Quereinsteiger nicht die Qualifikation dazu haben, weil sie nicht pädagogisch ausgebildet sind. Meine Erfahrung mit zwei Kindern in Grund-, Ober-, Fachhoch- und Berufsschule ist die, dass die Mehrzahl der Lehrer nicht lehren kann, Fachwissen ist vorhanden, aber bei der Umsetzung hapert es. Also, lasst die Quereinsteiger ran, die haben bestimmt einen anderen Blickwinkel – und schlimmer kann es eh nicht mehr werden.

Michael Linde, Blankenfelde