Leserbriefe

„Scheinheilig und selbstherrlich“

Leser zu dem Interview mit Klaus Wowereit und dessen Kritik an der Initiative zum Volksentscheid Tempelhof

Wenn Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit der Tempelhof-Initiative Egoismus vorwirft, so ist das nicht nur scheinheilig und selbstherrlich, sondern eine Kampfansage an jeden vernünftig denkenden Bürger. Niemand hat etwas gegen den Bau von Sozialwohnungen, doch es muss ja nicht auf dem Tempelhofer Feld sein. Es gibt genug Industriebrachen und andere Ruinengrundstücke, vorwiegend im Ostteil der Stadt, die für diese dringend notwendigen Bauvorhaben schon seit Jahren hätten genutzt werden können. Fakt ist doch vielmehr, dass der Senat den sozialen Wohnungsbau in den vergangenen zehn Jahren sträflich vernachlässigt hat und nun so tut, als ob ihm das Wohl der ärmeren Bürger auf einmal so sehr am Herzen liege. Doch das glaubt dem Wowereit-Senat keiner mehr, denn das Vertrauen ist verspielt.

Thomas Henschke, Waidmannslust

Geht es wirklich um das Wohl unserer Stadt, wenn wir am Sonntag darüber abstimmen, was in Tempelhof passieren soll? Ich habe da so meine Zweifel nach all den Gesprächen, die ich geführt habe zu diesem Thema. Zu oft habe ich gehört, dass wir einfach diesem Regierenden keine weitere Unterstützung mehr angedeihen lassen dürfen und ihn also nicht stärken sollten mit unserem „Ja“ zu der vorgeschlagenen Randbebauung. Es ist grauenhaft, welches Bild der deutschen Hauptstadt Klaus Wowereit durch und durch verkörpert. Sollen wir ihn also weiter unterstützen, indem wir für die Bebauungspläne stimmen? Wachere Genossen in der SPD haben längst erkannt, dass Wowereit vom Zugpferd zur Belastung geworden ist. Wie aber ihn loswerden? Mir scheint nur ein Weg möglich: Sollte die zurückhaltende Randbebauungsvariante an diesem Wochenende keine Chance haben, dann wäre es eingedenk der so besonderen Wahlumstände sehr wohl angebracht und legitim, diese Entscheidung noch einmal zur Abstimmung zu stellen, sobald Berlin es vollbracht hat, diesen Regierenden hinter sich zu lassen.

Ludger Paß, per E-Mail

Wowereit wirft den Gegnern einer Bebauung des Tempelhofer Feldes „Volksverdummung“ vor. Da ihm anscheinend unbekannt zu sein scheint, dass in einer Demokratie auch andere Bürger eine eigene Meinung haben dürfen und diese nicht durch plumpe Sprüche von einem Volksvertreter diffamiert werden sollten, ist es an der Zeit, dass er endlich abtritt. Hochmut kommt vor dem Fall.

Dieter Fath, Spandau

Über das Interview mit dem Regierenden Bürgermeister kann ich nur den Kopf schütteln. In Berlin wird hervorragende Politik gemacht? Ja, wo denn bitteschön, Herr Wowereit? Die Schulen sind marode, es fallen Fenster raus, Decken stürzen ein. Ein Großteil der Brücken und Straßen in Berlin sind so marode, dass nur noch Sperrungen helfen. Inzwischen liegt der Anteil derjenigen, die Wowereits Politik nur noch schlecht finden, bei 71 Prozent. Wowereit traut doch keiner mehr über den Weg. Daher wollen die Berliner auch nicht die Randbebauung am Tempelhofer Feld und dass die Kolonie Oeynhausen in Wilmersdorf abgerissen werden soll. Herr Wowereit, fahren Sie mit offenen Augen durch Berlin, dann finden Sie genug Brachen, die man ohne Probleme bebauen kann.

Detlef Kurth, Wilmersdorf

Wenn das Tempelhofer Feld bebaut werden würde und dort bezahlbarer innerstädtischer Wohnraum entsteht, der garantiert in öffentlicher Hand bleibt, dann könnte man mit vielen linksalternativen Bebauungsgegnern sicher auch ergebnisoffen debattieren. Der Punkt ist einfach, dass man den Regierenden und deren Versprechen nicht trauen kann, ein Indiz dafür ist, dass die Stadt auch ein Gewerbegebiet dort ansiedeln möchte. Im Vorfeld verspricht man einmal mehr, zum Wohle der einfachen Bürger zu handeln, am Ende sollen wohl wieder wirtschaftliche Interessen bedient werden. Das hat der kritische Berliner Bürger verstanden.

Markus Meister, Kassel

Die überwiegende Mehrheit meines Bekanntenkreises will gegen den Bebauungsplan des Senats stimmen, obwohl sie überwiegend nicht im Umkreis des Geländes wohnen. Dabei geht es den meisten grundsätzlich nur um Wowereit. Sie sind von seiner Politik der letzten Jahre (ICC, Deutschlandhalle, Schulen, BER) total enttäuscht. In den Bezirken werden immer mehr Bibliotheken geschlossen, anstatt diese für eine wohnortnahe Versorgung zu erhalten. Ein Anbau neben der Amerika-Gedenkbibliothek wäre die kostengünstigste Lösung für eine Zentrale Landesbibliothek.

Klaus Okrafka, per E-Mail