Leserbriefe

„Vieles wird nie bekannt werden“

Leser zum Urteil gegen Uli Hoeneß, der eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren antreten muss

Ich teile Ihre Verblüffung darüber, dass nach dem Urteil gegen Hoeneß fast alle Kommentatoren Respekt bekunden, Anstand bescheinigen und überhaupt so tun, als seien alle Fehltritte bekannt und abgehakt – und als wären alle seine Reaktionen auf den Prozess und auf das Urteil von höheren Motiven geleitet und daher ganz besonders ehrenwert. Vieles wird nie bekannt werden, da auch die Staatsanwaltschaft auf eine Revision verzichtet.

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, Schöneberg

Es hat etwas gedauert, aber jetzt hat Uli Hoeneß die Kurve zu Frau Margot Käßmann genommen. Im letzten denkbaren Augenblick hat er sich meinen Respekt zurückverdient. Dafür gönne ich ihm sogar leichte Haftbedingungen. Er wird in Landsberg viel Zeit haben. Allein in seiner Zelle. Möge er diese Zeit und seine eben gemachten Erfahrungen dazu nutzen, Strategien zu entwickeln, wie er seine neue, aber jetzt glaubhafte Lauterkeit in die Fifa, in die Uefa, gar in das IOC tragen kann. Seine Hafterfahrung und der Vermögensverlust werden ihm dabei helfen. Und wir, die sportliebenden, aber Korruption und Betrug hassenden Bürger, helfen weiter gerne mit.

Michael Maresch, per E-Mail

Vielleicht sollte man in Deutschland einmal daran denken, dass Herr Hoeneß niemandem etwas weggenommen und keinem Menschen unmittelbaren Schaden zugefügt hat. Seine Schuld besteht nicht in einer „Wegnahme“, sondern in einer unterlassenen „Abgabe“. Die Gemeinschaft sollte – so widersprüchlich das zunächst auch klingen mag – Herrn Hoeneß dankbar sein, dass er so erfolgreich Geld verdient hat. Denn dadurch erst ist die Pflicht zum Abgeben entstanden. Steuerhinterziehung ist als Straftat definiert, aber wo es nur um vorenthaltenes Geld geht, ist Freiheitsstrafe oft – so wie hier – fehl am Platze. Solches Unrecht kann vollständig und angemessen – auch unter generalpräventiven Gesichtspunkten – allein dadurch gesühnt werden, dass die fällig gewordene Abgabe in empfindlich spürbarer Weise erhöht wird. Die Gesellschaft muss nicht durch ein Wegschließen des Uli Hoeneß vor weiteren Straftaten geschützt werden.

Ulf E. Finkewitz, Steglitz

Das Urteil finde ich nicht angemessen, da Uli Hoeneß keiner Person geschadet hat. Wenn ein Schläger wegen brutaler Körperverletzung oder Totschlag eine Verurteilung auf Bewährung bekommt, ist dies nicht nachvollziehbar. Man hat das Gefühl, dass die Richter Angst vor Repressalien haben. Meiner Meinung nach hätte das Gericht Herrn Hoeneß dazu verurteilen können, den gleichen Betrag seiner Steuerschuld an mildtätige oder soziale Einrichtungen zu entrichten. Somit würden dem Staat keine Kosten entstehen. Im Gegenteil: In Not geratenen Menschen würde geholfen.

Petra Foerster, per E-Mail

Respekt, Uli Hoeneß! Seine Entscheidung, nicht in die Revision zu gehen und von allen Ämtern zurückzutreten, verdient höchste Anerkennung. Hinsichtlich der Modalitäten zum Antritt der Strafe hätte ich keine Probleme damit, wenn er so schnell wie gesetzlich möglich in den offenen Strafvollzug versetzt werden könnte. Denn im Gegensatz von Fällen von Raub, Diebstahl und sogar Vergewaltigung, die ja oftmals zu Bewährungsstrafen führen, ist ja im Hoeneß-Fall nicht von einer Wiederholungsgefahr auszugehen.

Rainer Feldmann, per E-Mail

Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble will nun die Regeln für eine Selbstanzeige verschärfen. Dabei sollte er nicht vergessen, gleichzeitig die Voraussetzungen für eine Amtshaftung für Steuerverschwendungen in der öffentlichen Verwaltung einzuführen. Eine solche Handlung würde das Gerechtigkeitsbewusstsein bei den Steuerpflichtigen schärfen. Denn es ist bewiesen, dass eine hohe Besteuerung nur akzeptiert wird, wenn auch deren sparsame und sinnvolle Verwendung nachgewiesen wird. Hierfür haftet jede Amtsperson nach bestem Wissen und Gewissen.

Gottfried Hecht, per E-Mail

Das Urteil ist angemessen und der Rücktritt von Uli Hoeneß als FC-Bayern-Präsident ist der richtige Schritt. Zu groß war die Differenz zwischen den Summen bei der Selbstanzeige und der tatsächlichen Steuernachforderung, als dass die Selbstanzeige hätte wirksam werden können, um ihn vor dem Gefängnisaufenthalt zu bewahren. Etwas mehr Ehrlichkeit bei der Selbstanzeige hätte ich ihm gewünscht, seine Steuerberater und Anwälte haben ihn wohl auch nicht gut beraten. Ganz im Gegenteil: Seine Berater haben die Situation für Uli Hoeneß deutlich verschlimmert, so ist jedenfalls mein Eindruck.

Thomas Splittgerber, Lichterfelde