Leserbriefe

„Erneut zweifelhaftes Urteil“

Leser zu der Verurteilung eines notorischen Schwarzfahrers zu 16 Monaten Haft ohne Bewährung

Wie soll man eigentlich die Ethik unseres Rechtswesens verstehen, wenn ein solch armer Mensch wegen seiner Schwarzfahrten „aus Liebe“ für mehr als ein Jahr ins Gefängnis muss, während Gewalt- und auch Intensivtäter mit unangebrachter Nachsicht gefühlt ewig in Freiheit bleiben? Ist der Fast-Totschläger vom S-Bahnhof Friedrichstraße eigentlich überhaupt einen Tag im Gefängnis gewesen? Diese unangebrachte Überbewertung vergleichsweise harmloser Eigentumsdelikte liegt wahrscheinlich daran, dass die großen Taten wie Steuerhinterziehung im Millionenbereich oder organisierte Kriminalität kaum noch aufgeklärt beziehungsweise extrem lasch sanktioniert werden. Da braucht man doch einfach mal ein paar Kleinigkeiten, an denen man sich dann austoben kann.

Thilo Pribnow, per E-Mail

Da fahren 19 Jahre alte Intensivstraftäter, die schon öfter verurteilt wurden, eine 18 Jahre alte Schülerin tot und verletzen einen 18-Jährigen schwer. Nachdem sie gefasst wurden, bekommen sie 22 beziehungsweise 15 Monate Jugendstrafe auf Bewährung. Drei Wochen später wird ein notorischer Schwarzfahrer zu 16 Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Da fragt man sich: Ist ein Menschenleben in Berlin weniger wert als eine Beförderungserschleichung bei der Deutschen Bahn? Nach diesen erneut zweifelhaften Urteilen bin ich der Meinung, dass das Berliner Justizsystem eine Reform benötigt.

Thomas Kunisch, Wilhelmstadt

Gesamtes hinterzogenes Kapital sollte dem Staat zufließen

Zum Artikel: „Steuervergehen sind keine Kavaliersdelikte“ vom 4. Februar

Steuerhinterziehung ist ein Straftatbestand und muss dementsprechend geahndet werden. Es kann aber nicht sein, dass einen Steuerhinterzieher wie Uli Hoeneß bis zu zehn Jahre Gefängnis erwarten, während jugendliche Intensivtäter selbst bei fahrlässiger Tötung mit Bewährungsstrafen davonkommen. Damit niemand künftig Geld im Ausland parkt, um Zinserträge vor unserem Fiskus und somit vor der Allgemeinheit zu retten, sollte dem Staat die Möglichkeit eröffnet werden, das gesamte ins Ausland geschaffte Kapital zu konfiszieren. Das würde der Steuerflucht ein Ende setzen.

Bernhard Adomeit, Sommerfeld

Soziale Dienstleistungen brauchen verbindliche Qualitätsstandards

Zum Artikel: „Berlin verschärft Kontrolle von Pflegediensten“ vom 2. Februar

Der Vorstoß von Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) führt in die richtige Richtung. Wenn es Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Aussage, dass der Mensch im Mittelpunkt ihrer großen Koalition steht, ernst meint, dann muss es zu einer gesetzlichen Festlegung von Qualitätsstandards in der ambulanten Pflege kommen, da man gerade eine soziale Dienstleistung gegenüber den schwächsten Individuen einer Gesellschaft nicht allein den gewinnorientierten Anbietern überlassen kann.

Rasmus Ph. Helt, per E-Mail

Wirklich preiswerte Wohnungen wird es bei Neubauten nicht geben

Zum Artikel: „Entwürfe für Zentral- und Landesbibliothek liegen aus“ vom 3. Februar

Das ist wieder typisch Behörde: Obwohl sie weiß, dass das Volksbegehren noch kommt, plant sie munter weiter, als wenn dieses gar nicht zu ihren Ungunsten ausgehen könnte. Das sollte uns zu denken geben. Ich werde zugunsten der Bürgerbewegung stimmen, nicht weil mich die Freifläche interessiert, sondern weil ich die unnötigen Ausgaben für die zusätzliche Bibliothek auf jeden Fall verhindern will. Nicht, dass ich preiswerte Wohnungen in Berlin nicht für notwendig halte. Doch es hat sich in der Vergangenheit stets herausgestellt, dass es im Endeffekt doch nur teure Wohnungen gibt.

Regina Kröning, Spandau

Verbreiteter Hang der Berliner zum kollektiven Wegsehen

Zum Artikel: „Einbrecher mit einer Vorliebe für Designersessel“ vom 31. Januar

Vielen Dank für den Bericht über das dreiste Vorgehen der zum Glück gefassten Einbrecherbande. Die Öffentlichkeit hätte anderenfalls nie etwas darüber erfahren, mit welcher kriminellen Energie heute nicht nur Villen, Häuser und Wohnungen von Verbrechern heimgesucht werden. Dass aus Bürogebäuden und Hotellobbys zum Teil großvolumiges Diebesgut unbemerkt abtransportiert werden konnte, ist auch dem verbreiteten Hang der Berliner zum kollektiven Wegsehen geschuldet.

Dieter Puhlmann, Zehlendorf