Leserbriefe

„Missglückte Schönheitsoperation“

Leser zu Plänen eines US-Investors, ein 150 Meter hohes Wohnhaus auf dem Alexanderplatz zu bauen

Meine Eltern zogen 1950 in einen Neubau an der Graudenzer Straße in Friedrichshain. Bevor die Häuser an der heutigen Karl-Marx-Allee entstanden, konnten wir den U-Bahnhof Weberwiese vom Balkon aus sehen. Als die Allee fertig war, bildete sie ein harmonisches Ensemble mit markanten Punkten wie dem Frankfurter Tor und dem Strausberger Platz. Alles durchaus ansehnlich. Auch außerhalb meines Kiezes hat Berlin ein freundliches Gesicht. Es ist nicht ebenmäßig, manche Proportionen sind etwas schräg. Die Stadt sollte respektvoll behandelt, gepflegt und gestaltet werden. Mit dem geplanten Wolkenkratzer habe ich einmal mehr den Eindruck, dass mit aller Gewalt gewinnbringende Veränderungen vorgenommen werden, die am Ende einer missglückten Schönheitsoperation gleichen. Oder kann man sich vorstellen, dass um die Siegessäule herum Wohntürme entstehen? Der Fernsehturm wird immer mehr eingebaut. Seit einigen Jahren habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr um Berlin und seine Menschen geht, sondern nur noch um Investoren.

Barbara Rose, per E-Mail

Kann man nicht den mit dem Bau des Hochhauses beauftragten Stararchitekten Frank O. Gehry dazu einladen, sich mit einem Entwurf für den Museumserweiterungsbau am Kemperplatz zu beteiligen? Mit diesem authentischen Architekten könnte es gelingen, was Scharoun hier mal vorhatte, dass die verschiedenartigen Solitäre dort zu einem geschlossenen Ensemble zusammenfinden. Das ergäbe einen einmaligen, charakteristischen Platz, anders als mit den zubauenden Plänen von Ex-Stadtbaudirektor Hans Stimmann und Architekt Stephan Braunfels, die genau diese Eigenheit verschwinden lassen und die die Solitär-Gemeinschaft nicht haben wollen.

Jürgen Spiegel, Neukölln

Geschäftsgeheimnisse sind offenbar wichtiger als Persönlichkeitsrechte

Zum Artikel: „Schufa-Formel bleibt geheim“ vom 29. Januar

Wie die Schufa Fehler produziert, bleibt weiterhin ihr Geschäftsgeheimnis. Was der Bundesgerichtshof sich bei seiner Entscheidung gedacht hat, wird wohl auch sein Geheimnis bleiben. Otto Normalverbraucher, der trotz ausreichender Bonität keine Wohnung, keinen Kredit oder auch nur einen Mobilfunkvertrag erhalten hat, kann nach diesem Urteil noch nicht einmal Schadenersatz geltend machen. Urteile deutscher Gerichte haben immer öfter etwas von Kaffeesatzleserei und immer weniger mit deutscher Realität zu tun. Wenn Verbraucher sich doch nur so gut gegen Schäden durch Banken wehren könnten wie Wirtschaftsunternehmen sich gegenüber vermeintlichen Zechprellern, so könnte etwas Vertrauen geschaffen werden. Über das Urteil dürften sich vor allem Google, Facebook, NSA und Konsorten freuen: Für sie alle ist es wichtig zu wissen, dass der Schutz von Geschäftsgeheimnissen Vorrang hat vor Persönlichkeits-, Auskunftsrechten und Datenschutz. Die Schufa sollte wie der ADAC einer umfassenden Reform unterzogen werden.

Roger Morell, per E-Mail

Keiner der Verantwortlichen erkennt oder spricht die Probleme an

Zum Artikel: „Experten und Leser diskutieren über Sicherheit und Kriminalität in Berlin“ vom 29. Januar

Wie in jüngerer Zeit die Sicherheit Berlins in den Keller rutscht, ist kaum noch zu überbieten. Ein Innensenator, dessen mehrfach angedrohte Räumung des Oranienplatzes unter Beifall des linksalternativen Spektrums wie Seifenblasen zerplatzten. Messerstechereien in der von Flüchtlingen besetzten Kreuzberger Schule, bei denen die Täter von der Polizei nicht innerhalb des Hauses ermittelt worden sind. Mitarbeiter des Vereins „Fixpunkt“, die sich einen Schutztunnel am Eingang der Kreuzberger Schule bauen müssen, um nicht von heruntergeworfenem Müll verletzt zu werden. Eine Feuerwehr, die ohne Polizeischutz keine Möglichkeit findet, im oder am besetzten Haus Gefahren abzuwehren. BVG-Kontrolleure, die bei der Fahrkartenkontrolle in der U-Bahnlinie 7 von Flüchtlingen angegriffen und schwer verletzt werden und nur unter massivem Polizeieinsatz ihren Dienst fortsetzen können. Eine Drogenkriminalität am Görlitzer Bahnhof, die nach wie vor unverändert hoch ist, und jugendliche Intensivtäter, die immer wieder lapidare Strafen erhalten. Aber die Polizei führt verstärkte Geschwindigkeitskontrollen durch, Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) kümmert sich intensiv um Hundekot und Leinenzwang, Innensenator Frank Henkel (CDU) debattiert mit Schülern und Sicherheitsexperten über Gott und die Welt. Nur, keiner der Verantwortlichen erkennt oder spricht die Probleme an, mit denen die Berliner Polizei jeden Tag zu kämpfen hat.

Otto Dreksler, per E-Mail