Leserbriefe

„Erschreckend und beschämend“

Leser zu den Demonstrationen für und gegen die neue Unterkunft für Asylbewerber in Hellersdorf

Es ist erschreckend und beschämend mit anzusehen, wie sich leider nicht wenige Mitbürger unserer Stadt gegen Asylanten und Flüchtlinge zur Wehr setzen. In Hellersdorf und anderswo protestieren zumeist hysterische und wenig bildungsorientierte Anwohner mit ihren diffusen Ängsten vor Überfremdung gegen Menschen, die aus Kriegsgebieten wie Afghanistan oder Syrien zu uns kommen und bei uns um ein wenig Schutz und Gastfreundschaft bitten. Hat man denn schon vergessen, dass auch viele Deutsche auf der Flucht vor den Nazis Asyl im Ausland gefunden haben und nur so den Zweiten Weltkrieg überleben konnten?

Christian Bojé, Reinickendorf

Sind wir Hellersdorfer dumm oder krank? Warum hat der Hellersdorfer Angst vor dem Fremden? Dieser Ortsteil, der bunt zusammengewürfelt ist von allen deutschen Völkerstämmen, hat Angst von weither geflohenen Menschen, die Sicherheit suchen. Ich persönlich möchte eine gute Nachbarschaft, möchte Kommunikation und Austausch. Was ich nicht möchte, sind Hetze und grundsätzliche Ausgrenzung gegenüber den neuen Mitbewohnern. Das kann für einen normalen Menschen nicht zu viel verlangt sein. Danken wir für den Fakt, hier Frieden zu haben. Würden wir nicht die Chance nutzen, im Gefahrenfall unsere Familien in Sicherheit zu bringen?

Siegfried Lewerenz, Hellersdorf

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hat bei der Anwohnerversammlung nicht darauf geachtet, wirklich nur Anwohner einzuladen, und damit den Rechten eine Plattform geboten, gegen Flüchtlingsheime zu hetzen. Schon aus dem Moscheestreit in Heinersdorf vor einigen Jahren hätte man lernen müssen, damit sich solche Fehler nicht wiederholen. Ich vermisse auch die Anwesenheit der Berliner Spitzenpolitiker, die zu der Einrichtung dort nur aus der Entfernung stehen, statt vor Ort ihre Meinung zu vertreten. Langfristig hat das Land Berlin ein Konzept zu erarbeiten, wo und wie Flüchtlinge unterzubringen sind. Man sollte von Massenunterkünften wegkommen und Einrichtungen schaffen, wo nicht mehr als 50 bis 70 Menschen leben, um die Akzeptanz in der Umgebung zu verbessern. Auch die Integration ins Umfeld sollte dann besser gelingen.

Thomas Splittgerber, Lichterfelde

Es ist sehr schön, dass so viele Menschen in Hellersdorf gegen die NPD auf die Straße gehen. Schade ist nur, dass dies nicht friedlich passierte. Die Asylsuchenden und Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft fühlen sich durch die vermeintlichen Unterstützer vor der Tür offensichtlich stark verunsichert, da sie nicht einschätzen können, ob die vielen Hundert Menschen gegen oder für sie sind. Schließlich sprechen die Bewohner der Unterkunft fast nie Deutsch und auch kaum Englisch. Des Weiteren werden sie durch die Lautstärke der Mahnwache erheblich belästigt und sogar vom Schlaf abgehalten. Daran scheinen die Unterstützer keinen Gedanken zu verschwenden. Auch Beschwerden von Anwohnern schenkt man dort kaum Beachtung. Es gibt auch keinen Anlass, grundlos Polizisten zu attackieren. Damit stellen sich die Personen, die sich nach eigenen Angaben für das Richtige einsetzen wollen, nur auf eine Stufe mit gewaltbereiten Randalierern der rechten Szene oder betrunkenen Fußballfans, die Streit suchen. Denn die Polizeibeamten vor Ort können am wenigsten für die entstandene Situation.

Martin Jordan, per E-Mail

Deutschland kann nicht das Auffanglager einer weltweiten Fluchtbewegung sein. Aus allen Erdteilen kommen Armutsflüchtlinge, Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten, vor Natur- und anderen Katastrophen geflüchtete Menschen, Vertriebene und mit Versprechungen in das goldenen Paradies gelockte Menschen und strömen nach Deutschland. Zum Teil von organisierten Banden wird mit viel Kosten für die Flüchtlinge auf den unterschiedlichsten Wegen zu Wasser und zu Lande eingeschleust. Großstädte wie Hamburg, Berlin, München und Köln sind beliebte Zielgebiete, da in diesen Städten viele Unterstützer leben. Viele der Flüchtlinge bleiben unerkannt im Land, andere stellen Asylanträge und langwierige Aufenthaltsgenehmigungen. Wieder andere werden von hier lebenden Landsleuten aufgenommen oder verbleiben, bis sich der Verfolgungsdruck im Heimatland gelöst hat. Ein Großteil dieser Menschen muss untergebracht und versorgt werden und hat aufgrund unserer Gesetzeslage Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Auf große Flüchtlingswellen ist dieses Land aber nicht eingestellt. Man kann keine Unterkünfte und Bleibemöglichkeiten aus dem Boden stampfen. Trotzdem wollen alle Flüchtlinge hierbleiben. Wo ist die Grenze des Zumutbaren?

Jürgen Stauff, per E-Mail