Leserbriefe

„Volkswirtschaftlicher Unsinn“

Leser zum Ergebnis einer Forsa-Umfrage, wonach die Mehrheit der Schüler für das Sitzenbleiben plädiert

Auch wenn viele Deutsche in der Umfrage angeben, das Sitzenbleiben müsse erhalten bleiben, sprechen die Fakten für eine Abschaffung. So ist es in 20 von 28 Ländern Europas bereits abgeschafft, Österreich denkt darüber nach. Die Gründe sind im Wesentlichen: Sitzenbleiben ist teuer man schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden in Deutschland auf mindestens etwa eine Milliarde Euro pro Jahr. Und es ist unwirksam, denn in den meisten Fällen führt das Sitzenbleiben nicht zum erhofften Erfolg. Diese Ergebnisse wurden mittlerweile durch zahlreiche Studien im In- und Ausland zusammengetragen, nicht zuletzt 2010 durch die Bertelsmann Stiftung. Finnland etwa – seit Jahren unter den Bestplatzierten bei den Pisa-Tests – hat das Sitzenbleiben durch gezielte Förderung der lernschwachen Kinder ersetzt. Ähnlich soll jetzt der Ansatz in Niedersachsen aussehen: Statt durch Druck werden die Inhalte durch motivierte Lehrer in kleinen Gruppen vermittelt. Was nutzt es, pauschal ein ganzes Jahr zu wiederholen, wenn ein Schüler nur in Mathematik und Chemie eine Fünf hat? Die Einschätzung des Vorsitzenden des Philologenverbandes, für eine solche individuelle Förderung fehlten etwa 100.000 Fachkräfte oder fünf Milliarden Euro, ist eine Bankrotterklärung unseres Bildungssystems, denn sie offenbart, wie schlecht es um dieses System bestellt ist. Eine Milliarde der fehlenden fünf Milliarden für eine bessere Förderung hätten wir schon – durch Abschaffung des Sitzenbleibens.

Matthias Storck, Französisch Buchholz

Wenn die Politik ernsthaft eine Förderung schwacher Schüler durchführen würde, wäre eine solche Debatte überflüssig. Es gibt dann keine Sitzenbleiber mehr, und die Regelung braucht nicht abgeschafft zu werden. So wie das jetzt läuft, ist es ein Ablenken von den Notwendigkeiten, die es zu finanzieren gilt.

Wolfgang Nowack, Friedrichshagen

Grundschulen sollten selbst über Vorklassen entscheiden

Zum Artikel: „CDU will Eltern entscheiden lassen“ vom 1. März

Berlins Kinder sollen wieder später zur Schule.

Endlich kommt Bewegung in das Thema. Die CDU will einen neuen Anlauf nehmen, die Früheinschulung zu kippen. Sie sollte aber weiter gehen und die Wiedereinführung der Vorklassen auf den Weg bringen. In Wahlkampfzeiten waren Vorklassen immer ein Thema der CDU. Auch SPD-Kreise werden sich dafür starkmachen. Wenn sich die SPD noch sträubt, eine Rücknahme der Entscheidung gesetzlich zu regeln, sollte sie es zumindest den Grundschulen freistellen, eine Vorklasse einzurichten. Es werden ständig Erzieher eingestellt. Somit muss es möglich sein, ehemalige Vorklassenleiter wieder in diesem Bereich einzusetzen. Die notwendige und erfolgreiche Vorklassenarbeit wurde und wird von vielen Seiten positiv bewertet. Eltern, die ihr Kind zurückstellen lassen wollen oder deren Kind im JüL „verweilt“, wünschen sich die Vorklassen zurück.

H. Graaf, per E-Mail

Datenschutz darf nicht die Erziehung der Kinder aushebeln

Zum Artikel: „Problemkinder: Schulen sollen mit Justiz kooperieren“ vom 3. März

Ich habe bisher nicht viel vom Berliner SPD-Chef Raed Saleh gehalten. Nun stelle ich aber von Tag zu Tag mehr fest, dass ich mich wohl getäuscht habe. Er hat recht mit seiner Aussage, dass der Datenschutz nicht die Erziehung der Kinder aushebeln darf und er deshalb konkrete Verpflichtungen für Schule, Jugendamt, Jugendgerichte, Polizei und Staatsanwaltschaft zum Datenaustausch einführen will. Der größte Gegner bei der Umsetzung wird allerdings die eigene SPD sein.

Klaus Okrafka, per E-Mail

Baden-Württemberg sollte keine weiteren Risiken eingehn

Zum Artikel: „Ja zu Stuttgart21“ vom 6. März

Die Aussage von Bahn-Chef Rüdiger Grube, „Ich würde mir wünschen, dass wir uns jetzt wirklich bemühen, das Projekt schnell umzusetzen“, könnte fatale Folgen haben. Denn die Deutsche Bahn hat sich mit ihrer Entscheidung, das milliardenschwere Großbauprojekt Stuttgart21 weiterzubauen, einen Bärendienst erwiesen und wird mangels Zivilcourage, auch einmal Fehler zuzugeben, damit voll in die Katastrophe fahren. Selbst der auf 6,5 Milliarden Euro erhöhte Kostenrahmen wird nach Einschätzung von Experten noch immer nicht reichen, das irrsinnige Projekt Stuttgart21 letztlich zu verwirklichen. Die Grünen sind derzeit gut beraten, wenn sie jetzt auf ihrem Standpunkt beharren und weitere finanzielle Risiken nicht übernehmen wollen. Notfalls sollte es dazu ein weiteres Volksbegehren in Baden-Württemberg geben. Die SPD sollte sich aber fragen lassen, ob sie weiterhin Bürgerinteressen vertritt oder sich lieber wie CDU und FDP auf die Seite der Wirtschaft schlagen will.

Thomas Henschke, per E-Mail