Leserbriefe

„Kein Anlass für Preußenphobie“

Leser zu der Kritik von Altkanzler Helmut Schmidt am Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses

Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist nach langer Diskussion vom Deutschen Bundestag beschlossen worden. Das sollte auch Helmut Schmidt respektieren. Hier geht es doch nicht darum, den Preußen ein Denkmal zu bauen, sondern der deutschen Hauptstadt ihr historisches Gesicht wiederzugeben. Berlin wird wieder die Stadt, mit der sich wir Deutschen nach dem Schrecken des Krieges und der Teilung in seiner Gesamtheit endlich wieder identifizieren können. Das Kultur- und Kunstforum wird ein Gewinn für die Stadt und die gesamte Republik. Und was die Finanzierung anbetrifft: Eine Hauptstadt, die heute noch unter der Teilung leidet, aber auf der anderen Seite wichtige Funktionen für das gesamte Land wahrnimmt, kann wohl für sich in Anspruch nehmen, dass alle Bundesländer dafür einen Teil der Lasten tragen.

Reinhard W. Muth, Grunewald

In vielem muss man Schmidt beipflichten. Wer hat das Schloss gewollt? Berliner noch nie. Schon der ursprüngliche Bau war den Berlinern von den Hohenzollern als Zwingburg aufs Auge gedrückt worden. Und das gilt bis heute: Wer hat den Wiederaufbau beschlossen? Nicht die Stadt Berlin, sondern der Bundestag.

Hermann Kissig, per E-Mail

Wir brauchen kein Stadtschloss, das am Ende bestimmt wieder einmal das Doppelte der ursprünglich veranschlagten Summe kostet.

W.-D. Braun, per E-Mail

In seinem Rundumschlag ereifert sich Schmidt gegen Berlin, das „schon immer groß (darin war), sich von anderen aushalten zu lassen“, gegen Preußen und gegen das Schloss. Was für ein Quatsch! Man braucht nicht unbedingt das Preußenbuch des Historikers Christopher Clark gelesen zu haben („Preußen – Aufstieg und Niedergang. 1600–1947“), um zu begreifen, dass Preußen etwas ganz anderes war als jenes Zerrbild, das die alliierten Siegermächte von ihm gezeichnet haben, um sich einen Vorwand für seine Auflösung zu verschaffen. Also, Herr Schmidt, kein Anlass für Preußenphobie. Im Schloss wird auch kein preußischer König mehr sitzen.

Klaus Brandt, per E-Mail

Die Ansichten von Altkanzler Schmidt kann man nicht erst seit seiner Meinungsäußerung über die Sinnlosigkeit des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses nicht mehr für voll nehmen, sondern bereits seit seiner Äußerung, dass die damalige Führung in Peking nicht anders hätte handeln können, als die Demonstranten mit Maschinengewehrfeuer niederzumähen.

Prof. Dr. Ludger Schiffler, Grunewald

Die Polemik des Altkanzlers Schmidt gegen den Wiederaufbau des Berliner Schlosses macht einem klar, dass auch Menschen, die man früher für Weitblick und Entschlusskraft geschätzt hat, im Alter Unausgegorenes von sich geben. Dass Schmidt offensichtlich nicht einmal weiß, was in das Humboldt-Forum hineinkommt, lässt tief blicken. Schmidt schätzt übrigens auch die Meinung der Bevölkerung falsch ein: Auch Menschen aus anderen Bundesländern begeistern sich für diese nationale Aufgabe. Diesen Eindruck bekomme ich jede Woche, wenn ich ehrenamtlich in der Humboldt-Box arbeite.

Luzie Hillel, Charlottenburg

Auch wenn ich die Debatte über den Länderfinanzausgleich für übertrieben halte, so muss ich doch Helmut Schmidt in diesem Fall zustimmen: Der Aufbau des Stadtschlosses ist überflüssig und kostet viel Geld, das wir lieber für Investitionen in unser Bildungssystem nutzen sollten. Wollen wir die preußischen Traditionen wieder aufleben lassen, so wie man es auch mit dem überflüssigen Wiederaufbau der Garnisonskirche in Potsdam vorhat? Ich war stets der Meinung, dass man den Palast der Republik hätte stehen lassen sollen, um ihn für kulturelle Veranstaltungen zu nutzen.

Thomas Henschke, Reinickendorf

Man sollte einem alten Mann, auch wenn er mal Bundeskanzler war, nicht mehr die öffentliche Plattform für unsinnige Bewertungen einräumen, die uns weltweit lächerlich machen. Man kann nur zufrieden sein, dass er nicht mehr in der politischen Verantwortung war, als über den Wiederaufbau des Stadtschlosses entschieden wurde.

Harry Döring, per E-Mail

Endlich hat mal jemand den Mut, die Wahrheit zu sagen. Der Neubau des Schlosses ist so überflüssig wie ein Kropf. Als Symbol des preußischen Staates gehört es der Vergangenheit an. Das Geld sollte man besser verwenden.

Horst Kujanek, Spandau

Berlin braucht kein protziges Stadtschloss. Berlin braucht verkehrstaugliche Straßen und sanierte Schulgebäude, in denen unsere Kinder und Enkel ohne Ekel auf die Toilette gehen können.

Renate Dietze, per E-Mail