Leserbriefe

„Unverständliche Aufregung“

Leser zur öffentlichen Sexismus-Diskussion nach anzüglichen Äußerungen von Rainer Brüderle

Bevor man groß über sexistisches Verhalten aufschreit, sollte erst einmal geklärt werden, was Sexismus ist. Wo fängt er an, wo hört er auf? Und gerade da wird es für jeden ein unterschiedliches Maß geben. Wenn sich also jemand – egal ob Mann oder Frau – belästigt fühlt, hat er das Recht, das anzuzeigen. Dafür gibt es Gesetze und Regeln. Darum ist es mir unverständlich, wenn jemand wie die „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich ein Jahr braucht, um festzustellen, dass sie sich sexuell belästigt fühlt.

Bärbel Hartenstein, per E-Mail

Ein Aufschrei geht durch das Land – und es nimmt kein Ende. In den jeweiligen Quatschrunden im Fernsehen der Öffentlich-Rechtlichen gibt es kaum ein anderes Thema. Von ungebührlicher Anmache und Flirt bis zu schlimmem Sexismus geht es da. Zehntausende Frauen haben getwittert und sich über die Männer beschwert, die bekannten Feministinnen an vorderster Front. Viele Millionen aber schweigen. Warum? Weil sie von der jetzigen Aufregung nichts halten. Natürlich gibt es männliche Verhaltensweisen, die nicht immer gentlemanlike sind. Doch das gab und gibt es schließlich schon seit ewigen Zeiten. Daraus nun eine weitreichende Diskussion zu machen zeigt, dass wir offensichtlich keine anderen Sorgen haben.

Wolfgang Pickert, per E-Mail

Dass die Debatte über einen flapsigen – in weinseliger Stimmung von Rainer Brüderle geäußerten – deplatzierten Spruch so ausufern kann, hat sicherlich mit dem bevorstehenden Wahlkampf zu tun. So kann die SPD ihren Kanzlerkandidaten aus der Schusslinie nehmen, indem sie sich an der Sexismus-Debatte offiziell und versteckt beteiligt. Es ist sicherlich mehr als überfällig gewesen, dass das Thema Sexismus in der zum großen Teil männerdominierten Gesellschaft diskutiert wird, doch dann hätte ich erwartet, dass etwa Alice Schwarzer dieses Thema besetzt hätte und nicht Herr Brüderle darauf festgenagelt wird.

Dieter Thermann, Mahlow

Und da ist er wieder, der kleine, nein große Unterschied. So unterschiedlich nehmen Männer und Frauen das Leben wahr: Kasupke nennt es in seiner täglichen Morgenpost-Kolumne „Altherrencharme“, wir Frauen nennen es sexuelle Belästigung. Was würde der sonst so sympathische Taxifahrer Kasupke denn sagen, wenn eine Kundin ihn auf seinen Hoseninhalt ansprechen würde? Frauencharme?

Sibylla Dittrich, per E-Mail

Es ist schon erstaunlich, in was für einer Heuchlergesellschaft wir leben. Politiker und Politikerinnen erzürnen sich über eine Bagatelle und schauen gleichzeitig weg, wenn junge Mädchen in Schulen oder Diskotheken von männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund angemacht, begrapscht oder als Nutten betitelt werden. Wo sind da die Politiker und Politikerinnen?

Bernd Schubert, per E-Mail

Ich bin wahrlich kein Fan von Rainer Brüderle, aber mir sind Frauen suspekt, die ein Jahr warten, um mit einer derartigen Sache an die Öffentlichkeit zu gehen. Brüderle ist der Buhmann, aber keiner hinterfragt, warum erst jetzt. Herren in bestimmten Positionen dürften keine Frau mehr anschauen, der Blick könnte ja schon als lüstern ausgelegt werden.

Sylvia Otte, per E-Mail

Muss die ganze Angelegenheit wirklich so grundsätzlich aufgearbeitet, aufgebauscht und aufgeregt diskutiert werden? Die Irreführung fängt doch schon bei der Begrifflichkeit an: Herrenwitz.

Offensichtlich und ganz banal scheint es doch so zu sein, dass Brüderle sich schlicht nicht so wie ein Herr benommen hat. Für einen sich bürgerlich gebenden Politiker einer sich bürgerlich gebenden Partei sollte das zu Recht Vorwurf genug sein.

Es ist doch erstaunlich festzustellen, dass in der gegenwärtigen Aufgeregtheit besonders diejenigen den Ton vorzugeben scheinen, die in anderen Zusammenhängen bürgerliche Tugenden wie gutes Benehmen nur zu gerne diskreditieren.

Dr. Hans Joachim Berg, Lankwitz

Wenn nun ein Tabu diskutiert wird, sollten auch andere Tatsachen ebenso thematisiert werden. Manche Frauen setzen gezielt ihre Sexualität ein, um Karriere zu machen oder andere Ziele zu erreichen. Nicht Männer sind die Feinde der Frauen, sondern vor allem andere Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen den Erfolg neiden und oft gegen sie mobben und intrigieren.

Oliver Förstl, per E-Mail

Die vom „Stern“ inszenierte Anmache durch Rainer Brüderle ist inhaltlich eine Lappalie, im Sinne mancher Medien mit ihren allzeit bereiten und bekannten Protagonisten wie Günther Jauch oder Alice Schwarzer aber eine willkommene finanzielle Wertschöpfungskette.

Jürgen Meyer, per E-Mail