Leserbriefe

"Eine historische Errungenschaft"

Leser zur Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union und zur Euro-Krise

Die Verleihung des Friedensnobelpreises rückt etwas ins Licht, was mittlerweile zu selbstverständlich geworden ist: dass nicht Triumphgeheul und das In-den-Staub-Zwingen wesentliche politische Maßgabe sind, sondern der Wille zur Verständigung und zum Ausgleich. Noch nie in der Geschichte wurde die deutsch-polnische oder die deutsch-französische Grenze so selbstverständlich überquert wie heutzutage. Görlitz und Zgorzelec machen sich auf, zu einer deutsch-polnischen Europastadt zusammenzuwachsen. Doch auch das: Bei keiner Angelegenheit sonst liegen in mir unbändige Freude und Schrecken so eng beieinander. Inwieweit fühlen wir uns von Flügeln getragen, und inwieweit versinkt die europäische Idee im kleinmütigen Geschachere, in der Vorteilsnahme und Nachteilsabwendung? Und sind nicht das Erste, was uns mehr übel als wohl bei der EU einfällt, jene Bandwurmsätze, die in ihrer Unverständlichkeit und in ihrer bleiernen Schwere nur noch von Politbüro und Zentralkomitee übertroffen wurden?

Helmut Krüger, Potsdam

Ich wurde 1955 in Paris als einer der ersten Deutschen nach dem Krieg in Paris eingeschult. Ich erinnere mich noch heute, dass ich als "sale boche" (dreckiger Deutscher) tituliert wurde. Die Feindschaft war auch in den nächsten Jahren noch zu spüren. Wenn man sich die Entwicklung der folgenden Jahre und das langsame Annähern der europäischen Völker dank de Gaulle, Adenauer, Schumann, Kohl und anderer großer Europäer betrachtet, dann kann man nur sagen, dass es Zeit wurde, diesen so ehrenvollen Preis an die Errungenschaft der oben Genannten zu vergeben. Leider wird heute die EU nur noch im Zusammenhang mit der Euro-Krise gesehen. Zu wenig wird über das Zusammenwachsen der Völkergemeinschaft in Europa geredet und auch darüber, wie friedlich Europa geworden ist. Heute bin ich mit einer polnischen Europäerin verheiratet. Wenn man sieht, wie stolz die Polen sind, Mitglied der EU zu sein, so sollten wir uns, als Deutsche, die dies maßgeblich mitgeschaffen haben, eine Scheibe abschneiden. Man kann Europa nicht nur als bürokratisches Monster und Euro-Krise degradieren, sondern als historische Errungenschaft. Glückwunsch zum Nobelpreis.

Edgar von Walther, Nikolassee

Der Preis wirkt wie ein Trostpflaster für eine verkorkste Europa-Politik. Wenn sich schon Wolfgang Schäuble darüber freut, dass man endlich mal über den "Tellerrand von Defizit- und Ratingdebatten" schauen könne, so zeigt das, wie schlecht es tatsächlich um die angestrebte Gemeinschaft steht. Und so schön sich das auch anhört mit einem 60-jährigen Frieden - die gesamte Nachkriegssituation (einschließlich der Anwesenheit der Besatzungsmächte in Deutschland, der Wirtschaftsverflechtungen und des internationalen Entspannungsprozesses) dürfte vor allem zu der langen Friedenszeit in Europa beigetragen haben. Angela Merkel hat allerdings recht, wenn sie sagt, dass der Euro weit mehr ist als eine Währung. Er ist ein Desaster und hat die Nationen eher misstrauisch gegenüber Brüssel gemacht. Davon abgesehen, konnte mir der Vorteil der gemeinsamen Währung seit Beginn seiner Einführung bis heute niemand plausibel erklären. Der einzige verifizierbare Vorteil: Man muss in Frankreich nicht mehr Geld tauschen.

Volkmar Bönstedt, Spandau

Auf die richtige Balance kommt es in der Gesellschaft an

Zum Artikel: "Topverdiener im Bundestag" vom 9. Oktober

Topverdiener im Bundestag? Warum eigentlich nicht - solange unsere Parlamentarier nicht zu "Außerparlamentariern" werden. Solange sie ihren Wählerauftrag erfüllen, nicht zu Befangenen oder Gefangenen von Interessengruppen werden, mit parlamentsinternem Wissen verantwortungsvoll umgehen und die Kirche im Dorf lassen, kann man nichts dagegen haben. Im Bundestag werden die fähigsten Frauen und Männer gebraucht, wie in der Wirtschaft auch. Dass aber zum Beispiel Fußballspieler zu Multimillionären heranwachsen, Manager Monatsgehälter bis zu einer Million überwiesen bekommen, für kleine Fernsehansagen 450.000 Euro Jahresgehalt gezahlt werden, Geschäftsführer kommunaler Betriebe ebensolche und noch größere Beträge erhalten und es eine Vielzahl weiterer üppiger Bezüge gibt, ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Doch allmählich entsteht hier, und das zu Recht, eine gewisse soziale Sprengkraft durch Disproportionen gegenüber leistungsgerechter Entlohnung, Gehältern, Renten und so weiter. Auf eine richtige Balance kommt es insgesamt in unserer Gesellschaft an. Das ist das eine. Wenn aber, wie zu vernehmen, der Honorarkatalog für Nebeneinkünfte von drei auf 13 Stufen erweitert werden soll und die Begrenzung der Stufe zwölf sogar mit 300.000 Euro geplant ist, dann fragt man sich als Wähler schon, wo die Parlamentsarbeit bleibt.

Horst Kunzelmann, per E-Mail