Leserbriefe

"Weiterhin Zweiklassengesellschaft"

Leser zu den Ergebnissen einer Studie, wonach Schüler aus bildungsfernen Familien selten studieren

Das Ergebnis der Studie der Vodafone-Stiftung Deutschland überrascht mich nicht. Da in Berlin im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine Studiengebühren erhoben werden, erleben wir hier einen Run auf die Universitäten. Dazu kommen irrwitzige NCs, nach denen nur noch Abiturienten mit einem Einser-Abitur eine Chance haben. Die einzige Chance ist dann ein Studium an einer Uni mit geringerem NC, sodass die Eltern gezwungen sind, in einer anderen Stadt eine Wohnung finanzieren zu müssen, obwohl zu Hause genug Wohnraum vorhanden wäre. Einen derartigen finanziellen Aufwand können sich nicht viele Eltern leisten.

M. Böhme, per E-Mail

Was die Studie nicht berücksichtigt, ist der Umstand, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten mangels staatlicher Unterstützung oft gar nicht die Möglichkeit haben, die für das Studium erforderliche Hochschulreife zu erlangen. Dies erfahren wir zurzeit bei der Freundin unseres Sohnes, die wir im Dezember 2010 bei uns aufgenommen haben. Aufgrund von Zerrüttungen in ihrer Familie war ihr ein Leben dort nicht mehr zuzumuten. Seit anderthalb Jahren bemüht sich die junge Dame, jetzt 18 Jahre alt, staatliche Unterstützung, sei es in Form von BAföG oder die Grundsicherung nach Hartz IV, zu erhalten. Seitdem wird sie von einem Amt zum nächsten verwiesen, erhält wiederholt falsche, inkompetente Auskünfte und muss bereits eingereichte Unterlagen, die angeblich verschwunden sind, erneut beibringen. Zudem wird unser Sohn generell mit veranlagt, obwohl er erst seit einem Jahr in einem Ausbildungsverhältnis steht und selbst über keine hohen Einkünfte verfügt. Die Freundin versucht momentan vergeblich, mit 110 Euro Unterhalt pro Monat von ihrem nicht in Berlin lebenden Vater ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wozu auch der Erwerb dringend benötigter Schulbücher zählt. Das Kindergeld ist seit Monaten eingefroren, weil die Mutter inzwischen unbekannt verzogen ist. Um den Abzweigungsantrag bemüht sich der Vater seit Monaten an seinem Wohnort. Es ist für einen jungen Menschen nahezu unmöglich, in diesem Behördendschungel mit teilweise sehr unfreundlichen Mitarbeitern zu bestehen und gleichzeitig gute Leistungen in der Schule abzurufen. Die Frage eines Studiums hat sich damit erübrigt, da sie jetzt schon unterhalb der Armutsgrenze leben muss. Dies ist umso bedauerlicher, da sie trotz aller Widrigkeiten eine gute und zielstrebige Schülerin ist. Was wäre da möglich, könnte sie sich unbekümmert auf die Schule konzentrieren.

Horst Lähn, per E-Mail

Ein Freund (Zahnarztsohn) antwortete mir (Tochter eines Zechenarbeiters) vor Jahren auf meine Frage, ob er die Stadtteile (mit hohem Arbeiteranteil, in denen ich wohnte) wirklich nicht kenne: "Da schauen wir nicht hin, da schauen wir drüber hinweg." Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Anne Bormann, per E-Mail

Wann setzt die Justiz endlich ein deutliches Zeichen?

Zum Artikel: "Bewährung statt Haftstrafe für U-Bahn-Schläger" vom 14. September

Erneut erhalten brutale Schläger, die eine lange Liste an ähnlichen Delikten auf dem Kerbholz haben, milde Bewährungsstrafen. Grund dafür seien die Drogensucht des einen und eine günstige Sozialprognose des anderen. Dass ihre Opfer im Krankenhaus lagen und sie das Leben dieser Menschen nachhaltig negativ verändert haben, scheint weder die Täter noch die Richter zu interessieren. Bei solchen Urteilen muss man sich fragen, auf welcher Seite die Gerichte stehen. Für Steuerhinterziehung oder Betrug werden Familienväter mitunter Jahre weggesperrt. Wenn man aber Menschen ausraubt oder verprügelt, hat man offensichtlich wenig zu befürchten. Am Ende bleibt wie so oft die Frage: Wann setzt die Justiz endlich ein deutliches Zeichen?

Martin Jordan, per E-Mail

Fehlendes Verständnis und Einfühlungsvermögen

Zum Artikel: "Merkel ermutigt Fußballer zum Outing" vom 14. September

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gut reden. Ihre bekannte Fußballbegeisterung in allen Ehren, aber hier fehlt ihr offensichtlich das nötige Verständnis und Einfühlungsvermögen für die besondere Rolle von prominenten Profifußballern. Sieht man doch schon bei Ausschreitungen enthemmter Fans bei Fußballspielen, wessen Geistes Kind die sind. Wenn sich da ein Fußballspieler outet, würde das ein dauerhaftes Spießrutenlaufen vor den Augen Zehntausender Fans in den Stadien und Millionen von Zuschauern an den Fernsehgeräten bedeuten. Zivilcourage, ja, aber nicht für den Preis der Selbstzerstörung. Sexuelle Präferenzen sind Privatsache, das gilt für Sportler genauso wie für Politiker.

Bernd Hofer, Schöneberg