Leserbriefe

"Was soll aus Tegel werden?"

Leser zur Kritik des Architekten Faulenbach da Costa an der Planung des Flughafens BER in Schönefeld

Nach all den unerfreulichen Ereignissen und Erkenntnissen zum BER-Flughafen, die in der Aussage des Architekten Dieter Faulenbach da Costa mit zu klein, zu spät, zu teuer treffend zusammengefasst sind, muss jetzt die noch ausstehende Diskussion eröffnet werden: Was soll aus dem Flughafen Tegel werden? Wer bringt nach den kapitalen finanziellen Fehlplanungen zum BER noch das Geld für die bald benötigte dritte Startbahn oder den Um- oder Aufbau weiterer Abfertigungsgebäude auf? Und wer traut sich trotzdem, einen voll funktionsfähigen Innenstadtflughafen wie Tegel zu schließen? Noch mehr Steuergeld kann ja wohl nicht zum Fenster hinausgeworfen werden. Und das wichtige Argument zur Schließung Tegels, mit dem alten Flughafen würde sich der Großflughafen BER in Schönefeld nicht rechnen, scheint bei dem bereits angekündigten erforderlichen Ausbau des neuen Flughafens ja wohl kaum zu greifen. Also, erhaltet Tegel zum Beispiel für Inlandsflüge. Andere Metropolen in Europa und der Welt haben auch mehr als einen Flughafen.

Dietrich Bornemann, per E-Mail

Wer überwacht eigentlich die Tätigkeit des Aufsichtsrates? Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat den Flughafenbau zur Chefsache gemacht - und dabei kläglich versagt. Ein Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses wird es nicht geben. Wie bei der Bankenaffäre werden die Akten geschlossen, bevor Fragen an den Aufsichtsrat gestellt werden können. Die Schließung von Tempelhof wurde von Wowereit mit allen Mitteln betrieben. In Tegel wurden dafür zwei Hallen für Air Berlin errichtet. Was kann sich der Regierende Bürgermeister noch alles erlauben? Er rechnet von einer Wahlperiode bis zur nächsten mit der Vergesslichkeit des mündigen Wählers. Diese Rechnung scheint aufzugehen, bis jetzt jedenfalls.

Bernd Linden, Charlottenburg

Unrealistische Ziele in einer äußerst schwierigen Finanzsituation

Zum Artikel: "Bundesregierung verabschiedet ehrgeizige Sparziele" vom 28. Juni

Bereits Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) plante für 2010 einen ausgeglichenen Haushalt ohne neue Schulden. Daraus wurde bekanntlich nichts, weil 2008 unbedingt die systemrelevanten Banken gerettet werden mussten. Und gerade jetzt, wo Deutschlands Kreditwürdigkeit von der Ratingagentur Egan-Jones gerade auf A+ herabgestuft wurde und inmitten der schwersten Euro-Schuldenländer- und Bankenkrise seit Bestehen der EU, verkündet Finanzminister Wolfgang Schäuble, dass er für 2016 einen ausgeglichenen Haushalt ohne neue Schulden vorlegen werde.

Roland Klose, per E-Mail

Gemeinsame Strategien für einen Mentalitätswechsel erforderlich

Zum Artikel: "Gericht verbietet Beschneidung - Zentralrat der Juden empört" vom 27. Juni

In teilweise überzogenen und polemischen Reaktionen von Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften werden ausschließlich das elterliche Erziehungsrecht und die Religionsfreiheit in den Vordergrund gestellt. Die Auswirkungen der Beschneidung auf Jungen werden nicht nur verharmlost, sondern entgegen wissenschaftlichen Erkenntnissen als Präventionsmaßnahme gepriesen. Die Deutsche Kinderhilfe hat Professor Bernd Tillig, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Neugeborenenchirurgie und Kinderurologie im Vivantes-Klinikum Neukölln, um eine Stellungnahme gebeten: "Die Entfernung der Vorhaut aus religiösen Gründen und ohne medizinische Indikation ist aus medizinischer Sicht bei nicht einwilligungsfähigen Kindern prinzipiell abzulehnen. Es existieren zahlreiche Studien zu diesem Thema, die zudem keine Evidenz für eine Gesundheitsdienlichkeit als mögliche Rechtfertigung dieses Eingriffs im Sinne des Kindeswohls zeigen konnten." Professor Tillig führt ausführlich die möglichen Komplikationen bei Beschneidungen aus und weist auf den problematischen Aspekt der Durchführung von Beschneidungen durch Nichtmediziner hin. Die Tatsache, dass ein die körperliche Integrität von Kindern erheblich verletzendes Ritual eine Jahrtausende Jahre alte Tradition ist, rechtfertigt für sich nicht deren Beibehaltung. Auch aus juristischer Sicht ist die Argumentation, religiöse Traditionen begründen einen Rechtfertigungstatbestand für Körperverletzungen, wenig nachvollziehbar. In diesem Sinne kann das Urteil nur der Anfang einer Entwicklung sein. Die Vertreter des Zentralrats der Juden, der muslimischen Verbände sowie der Kirchen haben nun eine besondere Verantwortung, in einen Dialog mit Medizinern und Fachleuten aus Jugendhilfe und Kinderschutz zu treten. Die körperliche Unversehrtheit von Kindern ist ein so wichtiges und über allen Religionszugehörigkeiten stehendes Gut, dass es nun besonnener Worte und der gemeinsamen Entwicklung von Strategien bedarf, um einen Mentalitätswandel einzuleiten.

Georg Ehrmann, Deutsche Kinderhilfe