Leserbriefe

"Zweifelhafte Schlussfolgerungen"

Leser zu den Investitionen in den Fahrradverkehr in Berlin und in der Stadt Kopenhagen

Weder das Rad noch das Radfahren müssen für Berlin neu erfunden werden. Vielleicht in Sachen Finanzierung der Straßen können neue Überlegungen angestellt werden. Wenn die Radfahrerlobby mehr Radwege fordert, sollte sie auch zur Finanzierung die Radfahrergemeinde in die Pflicht nehmen. Wenn langfristig die Zahl der Autofahrer abnimmt, nimmt natürlich auch die Anzahl derjenigen ab, die das bisher alles finanziert haben. Deshalb muss über eine Straßenbenutzungsgebühr für Radfahrer nachgedacht werden.

Wolfgang Heller, Westend

In dem Artikel ist vom Rückgang des Anteils des motorisierten Individualverkehrs von 38 auf 32 Prozent die Rede und von der Zunahme des Fahrradverkehrsanteils auf 13 Prozent. Daraus wird abgeleitet, dass man weniger Straßen und mehr Radwege braucht. Die entsprechende Statistik der Senatsverwaltung von 2010 spricht von einem Rückgang von 35 auf 32 Prozent (1992-2008), weist aber auch aus, dass der Anteil des ÖPNV in diesem Zeitraum von 31 auf 25 Prozent zurückgegangen ist, also prozentual doppelt so stark. Folglich könnte man - nach Ihrer Logik - den ÖPNV sogar stärker kürzen. Tatsächlich ist der Autoverkehr absolut gestiegen, stärker als der ÖPNV, aber der Fahrradverkehr noch stärker - touristisch und durch Spaßfahrten.

Hans-Henning Romberg, Wilmersdorf

Unseriöse und unbürgerliche Solarkürzung nach Gutsherrenart

Zum Interview mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen: ",Die Grünen sind stehen geblieben'" vom 10. März

So ein Unfug, lieber Herr Röttgen, vermutlich wären Sie gerne ein Grüner, wenn Mutti Sie nur lassen würde. Es war schon immer eine beliebte Methode der CDU, die Grünen zu diffamieren, weil ihr sachliche Argumente fehlten. Damals hieß es: "Bei euch kommt wohl der Strom aus der Steckdose" oder: "Sind Sie mit dem Fahrrad hier?". Vermutlich ärgert es Sie, dass die Grünen nach wie vor so weit ins sogenannte bürgerliche Lager hinein große Sympathien verzeichnen können, weil sie eben glaubwürdig sind und die richtigen Fragen stellen. Die Menschen nehmen Ihnen Ihre unglaubwürdige Möchtegern-Umweltpolitik nicht ab und wählen lieber das Original. Konzentrieren Sie sich lieber darauf, Ihre Arbeit besser zu machen, als auf andere einzuhacken, Stichwort Solarkürzung (nach Gutsherrenart) nach dem Motto, innerhalb von zwei Wochen ändern wir das, seht selbst, wie ihr (die Solarbranche) damit zurechtkommt. Das ist unseriös und unbürgerlich.

Werner Thoma, per E-Mail

Gleichsetzung ist böse Verleumdung

Zum Artikel: "Unschuld in Purpur" vom 12. März

Beate Klarsfeld, Kandidatin für das höchste deutsche Staatsamt, hat Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger als Nazi geohrfeigt. Dafür ist sie, verteidigt von Horst Mahler, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, ohne die Strafe antreten zu müssen, die später in vier Monate Bewährungsstrafe umgewandelt wurde. Sicher hat Frau Klarsfeld Verdienste erworben, nationalsozialistische Kriegsverbrecher wie Lischka oder Barbie vor Gericht zu bringen, aber die Aussage, sie habe "seit 50 Jahren gegen alte und neue Nazis gekämpft", ist ungenau. Das ehemalige NSDAP-Mitglied Kiesinger, im Jahr 1966 von mehr als 90 Prozent des Bundestages zum Bundeskanzler gewählt, mit Kriegsverbrechern gleichzusetzen, ist böse Verleumdung. Im Jahr 1969 trat Beate Klarsfeld für die Aktion Demokratischer Fortschritt (ADF) zur Bundestagswahl an. Wusste sie nicht, dass auch hinter der ADF das SED-Regime stand? Wer sich wie jetzt Klarsfeld als Kandidat der Öffentlichkeit aussetzt, muss sich auch unangenehme Fragen nach seiner Vergangenheit gefallen lassen. Das hat der gerade abgetretene Präsident schmerzlich erfahren.

Tatiana Schmidt dos Santos, Dahlem

Diese naive Zurschaustellung ist unangebracht und verwundert

Zum Artikel: "Madame Tussauds in Berlin erhält Anne-Frank-Wachsfigur" vom 9. März

Wer das Tagebuch der Anne Frank gelesen und sich auch intensiv mit dem Holocaust befasst hat, ist, milde ausgedrückt, verwundert über diese naive Zurschaustellung von Anne Frank im Wachsfigurenkabinett. Die tatsächliche Atmosphäre damals in Amsterdam, die tägliche Angst vor dem Entdecktwerden sowie der Mut der Helfenden und letztlich das lange Sterben im Konzentrationslager sind damit kaum vorstellbar. Hier wäre eine intensivere Darstellung angebracht. Denn Anne Franks Situation war nicht die eines unbedarften, hübschen Mädchens - hier Tagebuch schreibend -, sondern eher die eines eingeschlossenen, armen Individuums ohne Chance, ein normales Leben führen zu können.

Thomas Hansen, Reinickendorf