Leserbriefe

"Große Unzufriedenheit"

Leser zum BKK-Gesundheitsreport, wonach Berlins Staatsdiener sieben Wochen im Jahr krank sind

Es wäre ein Trugschluss zu glauben, die steigenden Fehlzeiten in der Berliner Verwaltung wären nur auf das hohe Durchschnittsalter der Beamten und Angestellten zurückzuführen. Der wahre Grund für diese negative Entwicklung ist die große Unzufriedenheit im öffentlichen Dienst, die vor allen Dingen der Wowereit-Senat mit seiner unverantwortlichen Politik der Einsparungen in den vergangenen zehn Jahren verursacht hat. Der seinerzeitige Austritt aus der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) und die damit verbundenen Gehaltskürzungen, bei gleichzeitiger Arbeitsverdichtung, haben nun zu einer vielfach verbreiteten inneren Emigration der Beschäftigten geführt, die sich in häufigen Erkrankungen äußert. Dass gerade Polizisten und Lehrer am häufigsten erkrankt sind, erstaunt mich dabei nicht, denn sie sind es vor allen Dingen, die ihren Kopf für politische Fehlentwicklungen hinhalten müssen.

Thomas Henschke, Reinickendorf

Das Durchschnittsalter hat in vielen Dienststellen Berlins durch jahrzehntelange Stellenstreichungen und eine völlig verfehlte Personalplanung längst die 50 überschritten. Wenn Innensenator Henkel dazu jetzt nichts anderes einfällt, als das Gesundheitsmanagement zu intensivieren, doktert er nur an den Auswirkungen herum, ohne die wirklichen Ursachen zu bekämpfen. Im Wahlkampf forderte Henkel noch 356 Stellen für die völlig unterbesetzten Finanzämter, gerade einmal 75 sind im Koalitionsvertrag davon übrig geblieben. Außerdem müssen die Berliner Beamten endlich gerecht bezahlt werden. Ver.di fordert die Angleichung an das Bundesniveau, der Abstand beträgt inzwischen rund sieben Prozent. Mit der vom Senat beschlossenen zweiprozentigen Besoldungserhöhung 2012 und 2013 wird nicht einmal ein ausreichender Inflationsausgleich erzielt. Hier muss die Politik endlich Verantwortung übernehmen und für gleiche Lebensverhältnisse in Deutschland sorgen. Das würde der wachsenden Unzufriedenheit spürbar entgegenwirken.

Jörg Bewersdorf, per E-Mail

Ich kann nur sagen, dass es im öffentlichen Dienst nicht an gesundheitlichen Problemen liegt, dass so viele Mitarbeiter krank sind. Vielmehr liegt es an der Arbeitsunzufriedenheit und der fehlenden Motivation. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es (jedenfalls in der Verwaltung beim Polizeipräsidenten) kaum Führungskräfte gibt, die von Führung und Motivation Ahnung haben. Viele gute und fähige Mitarbeiter werden ignoriert und übergangen, freie Stellen nicht an diejenigen vergeben, die geeignet sind, sondern an die, die nicht widersprechen oder gute Beziehungen haben. Kreativität oder selbstständiges Handeln, was ein Unternehmen ja eigentlich mit ausmachen sollte, gibt es nicht mehr. Ich bin Beamtin im vorzeitigen Ruhestand und kämpfe seit Februar 2010 darum, wieder arbeiten zu dürfen. Seit Sommer 2010 bin ich wieder diensttauglich, aber die Behörde hat bis heute nicht reagiert. Nun liegt mein Fall beim Verwaltungsgericht. Und ich bin nicht die Einzige, die auf Wiedereinstellung klagt.

G. M. (Name d. Red. bekannt), per E-Mail

Qualität von Lehre und Forschung wird dadurch nicht verbessert

Zum Artikel: "Richter stärken das Recht der Beamten auf gute Bezahlung" vom 15. Februar

Ausgerechnet die Professoren bekommen jetzt vom Bundesverfassungsgericht Unterstützung, das heißt mehr Geld, und das in Zeiten, wo alle den Gürtel enger schnallen müssen. Ich denke, man kann auch von einer W2-Besoldung gut leben. Wer in unserer Gesellschaft hat schon ein Grundgehalt von etwa 4000 Euro und einen absolut sicheren Job? Ich glaube nicht, dass man mit diesem juristischen Schachzug die Qualität von Lehre und Forschung an unseren Hochschulen verbessern kann. Im Gegenteil. Das Sicherheitsdenken wird so zementiert. Konsequent wäre es nun, wenn auch die anderen Beamten etwa in Behörden und Ministerien im Sinne dieser neuen Regelung höher besoldet werden.

Christian Lukner, per E-Mail

Die Forderung nach einer einheitlichen Entlohnung für Professoren kann nicht überzeugen. Um die Qualität von Forschung und Lehre zu fördern, muss es viel mehr Unterschiede geben, die sich insbesondere an dem Urteil der Studierenden über ihre Dozenten orientieren. Außerdem würden gleiche Gehälter von Flensburg bis nach Garmisch-Partenkirchen wenig daran ändern, dass die besten Nachwuchstalente im wissenschaftlichen Bereich in Nachbarländer wie etwa die Schweiz abwandern. Deswegen sollte die dringlichste Reform sein, endlich das unsinnige Kooperationsverbot bei der Bildung zwischen Bund und Ländern abzuschaffen, da man mit Regionalliga-Strukturen nicht in der Champions League erfolgreich mitspielen kann.

Rasmus Ph. Helt, per E-Mail