Leserbriefe

"Das Amt ist entzaubert"

Keine neuen Informationen, keine Diskussionen? Falsch. Nach den Diskussionen und Peinlichkeiten rund um die Person Christian Wulff bleibt die Frage: Was nun, Demokratie? Angela Merkel und Christian Wulff haben es geschafft, das Amt des Bundespräsidenten in die Banalität der täglichen Politik zu überführen. Der Blick nach oben, zu etwas Besonderem, Unabhängigem, durch Klugheit, Lebenserfahrung und Bedächtigkeit geprägten Amt ist einem Blick nach unten in die persönlichen Abgründe gewichen. Das Amt ist entzaubert, banalisiert und zum politischen Spielball verkommen. Schaffen wir es ab? Für politische Versorgungsposten brauchen wir es nicht. Allerdings sehnen sich die Menschen nach einem Amt, welches nicht in der Alltäglichkeit verhaftet ist, sondern Sinn und Werte des gesellschaftlichen Zusammenlebens thematisiert. Dieser Anforderung konnte Wulff bisher offensichtlich nicht gerecht werden. Damit ist das Amt aktuell falsch besetzt.

Dr. Hans-Peter Schlaudt, per E-Mail

Ich frage mich zusehends, was ist der eigentliche Grund der systematischen Demontage des Ansehens beziehungsweise des Rufmordes am Bundespräsidenten? Ja, Christian Wulff hat moralisch zwielichtige Entscheidungen zu verantworten, aber einen Rechtsbruch konnte ich bisher nicht wahrnehmen. Existenzbedrohend sind diese Ereignisse für unser Land keinesfalls.

Fred Rötschke, Mitte

Wulffs Annahme, dass in einem Jahr "die Sache" vergessen sei, ist höchstens Wunschdenken. Mit unseren vorbildlichen Präsidenten wie Heuss, Scheel, Herzog oder Rau wird er jedenfalls nicht in einem Atemzug genannt werden.

A. Geißler, Buckow

Jetzt reicht es aber wirklich. Genug der ständig neuen Anwürfe. Wenn es diejenigen, die mit immer neuen Vorhaltungen gegen den Bundespräsidenten zu Felde ziehen, ernst meinen, sollten sie das Rückgrat haben und die Präsidentenanklage gemäß Artikel 61 Grundgesetz betreiben oder schweigen. Denn alles andere ist eine unwürdige Beschmutzung des höchsten Amtes in der Bundesrepublik und eine Beeinträchtigung des Ansehens unseres Staates in der Welt.

Fritz Matern, per E-Mail

Der Vorgang um den Bundespräsidenten ist unerträglich schlimm und insbesondere für das Ansehen Deutschlands in der Welt schon peinlich. Die Bewertung ist dadurch nicht erträglicher geworden, dass Spitzenpolitiker der Koalition noch leidenschaftliche und sonderbare Treubekundungen abgaben, obwohl der Ausgang noch nicht absehbar ist. Die widerstreitenden Meinungen über den weiteren Fortgang müssen schließlich davon ausgehen, dass das Grundgesetz wohl keine rechtliche Möglichkeit für das unfreiwillige Abtreten bietet. Selbstverständlich gingen die Väter des Grundgesetzes davon aus, dass bei der Auswahl und Wahl des Bundespräsidenten es sich immer nur um einen untadeligen und geeigneten Anwärter handelt, der dann auch das Amt mit Weitsicht und Klugheit ausfüllt. Dass er allerdings auch zum Objekt politischen Taktierens von den Parteien genutzt wird, wird man zwar bestreiten, doch die Wirklichkeit bestätigt das. Wenn Wulff nicht freiwillig geht, wird er ein einsamer Präsident sein.

Harry Döring, per E-Mail

Unter jedem Manuskript, das ein Journalist als Kopie einer Rede erhält, steht der Satz: Es gilt das gesprochene Wort. Sollte also der Bundespräsident wirklich gesagt haben, dass in einem Jahr die Sache vergessen sei, könnte er sich getäuscht haben. Gerade wegen dieser Aussage werden sich mehr Menschen daran erinnern, als ihm lieb ist. Denn nach Ablauf des Jahres gibt es wieder Jahresrückblicke. Die unendliche Geschichte um den standhaften Mann im Schloss Bellevue gehört ebenso zu den bemerkenswerten Ereignissen des Jahres 2011 wie auch zu denen des Jahres 2012.

Wolf P. Prange, Dahlem

Ich kann die Debatten über Wulffs "Verfehlungen" nicht mehr hören. Ich bin bestimmt nicht unbedingt ein Fan von ihm, aber auffällig ist, dass immer Personen der CDU/CSU angegriffen werden, wenn sie ein bestimmtes Amt bekleiden. Wer hat aufgeschrien, als Joschka Fischer mit seiner Vita Vizekanzler und Außenminister wurde? Dessen Vergangenheit wiegt in meinen Augen weit schwerer als die Vergehen des Herrn Wulff.

Sylvia Otte, per E-Mail

Kann Wulff diesen unsäglichen und unerträglich gewordenen Affären nicht endlich ein Ende bereiten? Wie lange soll sich dieses Schmierentheater noch hinziehen - womöglich noch dreieinhalb Jahre lang? "Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!", heißt es in Schillers "Taucher". Hier müsste man wohl eher sagen: "Lasst, Merkel, genug sein das grausame Spiel!"

Hans-Eberhard Fischer, per E-Mail